Aus der Logik der Gefahr

Empfindungen.

Ich bin mir nicht sicher, ob sie strömen. Es wäre mir recht, wenn sie strömten, da strömen ein friedliches Bild schafft. Die Bewegungen vollzögen sich in den berechenbaren Bahnen des Wassers oder der Luft. Luft und Wasser wollen oder sollen weiter und wohin. Die Empfindungen aber queren mitunter den Strom oder springen ihm lachsartig entgegen. Sie können jäh sein und heftig, widerwärtig und bös. Welcher Verlaß liegt im Gefühl? Einer und keiner, könnte man sagen. Doch sicher nur, um Zeit für die Antwort zu gewinnen.

Welcher Verlaß liegt im Gefühl?

Vor unzähligen Jahren, eine Fahrt morgens zur Schule, das Radio lief. Ein Interview. Eine Psychologin erklärte, woher Gefühle kommen und was sie können. Sie sagte damals (vielleicht gibt es mittlerweile klügere Modelle): Gefühle seien kompakte Handlungsanweisungen für bekannte (erkannte) Situationen und enthielten demnach immer einen Analogieschluß. Sie böten den Vorteil, extrem schnell zu sein, die umständlichen Prozeduren der intellektuellen Prüfung zu verkürzen und eine angemessene Handlung möglich zu machen. Gefühle seien der Speicher individueller Erfahrung, die sich jederzeit und unaufgefordert aufruft.

Ohne Erfahrung sind wir nichts, ohne Gefühl werden wir versagen. Das prüfende und vergleichende Denken benötigt viel zu viel Zeit. Eine andere Instanz schreitet ein, wacht und bestimmt. Sie ist umstritten, sie wird leidenschaftlich verteidigt und attackiert. Eine Frontlinie hat sich aufgetan, die durch die Epochen wandert wie eine fixe Konstellation. Ich denke, sie ist gut konstruiert, könnte aber aufgehoben werden. Fühlen ist verkürztes Denken, Denken ist in seiner Ungesichertheit potentielles Fühlen.

Denken bringt sich in unserem Kulturkreis gern gegen die Überlieferung des Gefühls in Stellung, statt sich ihrer anzunehmen. Das hat historische Gründe. Man hält in unseren Breiten Gefühl für etwas Zufälliges. Genau das ist Gefühl nicht. Gefühl ist tiefste Erfahrung, nur daß sie im Moment ihrer aktuellen Bewährung unzutreffend sein kann. Sie muß sich konkret bewähren, immer neu, fast stündlich. Ich atme auf, wenn ein wirklich guter Gedanke von mir gefühlt werden kann. Nein, eigentlich ist es schlimmer. Ich kann einem Gedanken nicht trauen, den ich nicht zugleich auch fühlen kann … Sonst sitzt er nicht tief genug.

Das wirft erneut Fragen auf.

 


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