Befreiung

Die Fenster weit geöffnet; es geht ein Wind, der Reste alter Kälte mit sich führt. Die neuen Blätter der Rosensträucher weisen wie Finger oder Fühler nach oben. Sie empfangen das Licht. Laub vom letzten Jahr trudelt raschelnd und erstaunlich laut über den Asphalt und landet in einem toten Winkel. Uns ist aufgesperrt worden, wir sind frei. Winter ist Gefangenschaft. Man traute sich kaum zu atmen. Nun wird alles weit und tragend. Die Füße möchten ausschreiten, dem Körper etwas Neues zeigen. Alles in mir will jubeln an einem solchen Tag der Überwindung (des Schmerzes, der Verlorenheit). Ich schreibe mich in Stimmung für einen Spaziergang um die Welt. Das Unheil und der grausige Blödsinn der Eiferer sollen mir heute gestohlen bleiben. Nennt es solipsistisch, meinetwegen egoistisch. Ich freue mich, wann es mir gefällt. Es gab welche, die tanzten in Ruinen, und wer bin ich, ihnen vorzuwerfen, daß sie aus der Lage ausstiegen für die Dauer eines Augenblicks, einer Stunde des Bei-sich- und Außer-sich-Seins. Man vermählt sich nicht mit der schönen Welt als ein Griesgram. Der bleibt immer nur sitzen, der schaut immer nur nach. Griesgram – was ist das überhaupt für ein Wort? Es soll von ‚Zähneknirschen‘ stammen. Der Grieß wird zermahlen, der Gram tritt hinzu. Einer, der mürrisch alles zerkaut und endlos zerkleinert. In der Werkstatt der Sprache gibt es viele Handwerker, sie arbeiten jahrhundertelang an der Bedeutung. Griesgram ist eines ihrer altmodisch anmutenden Exemplare. Doch nun hinaus in die belebte Gegenwart mit ihren schönen Überraschungen.


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