Das echte Tagebuch bringt sich in mir zu Gehör und verspottet dieses falsche. Was für die Öffentlichkeit gedacht ist, gehorcht anderen Regeln als jenes Private, das keine Rücksicht zu nehmen hat. Wenngleich nicht sicher ist, wie zuverlässig und unverfälscht ein echtes Tagebuch Auskunft oder Selbstauskunft gibt. Das Tagebuch als Quelle: die quellenkritische Lektüre müßte durch die Sätze hindurch zu lesen verstehen, um zu erkennen, wie hinter der Deckung des Gesagten das Ungesagte atmet und bangt. Wer ein Tagebuch beginnt, hofft meist noch, sich in ihm und mit seiner Hilfe zu entbergen und dort alles sagen zu können. Diese Illusion hält eine Weile, bis deutlich wird, daß auch ein Text, der an niemanden gerichtet ist, einen Adressaten hat. Um diesen Adressaten wirbt das schreibende und bekennende Ich. Es bildet sich ein, verstanden werden zu können, indem es spricht.
Dennoch fühle ich eine größere Erleichterung, wenn ich in das echte Tagebuch schreibe. Hier nämlich findet etwas anderes statt. Hier bewegen wir uns – Autor und Leser – in einer Als-ob-Situation. Ein Blog suggeriert Subjektivität, Authentizität und Transparenz, drei Idole der Jetzt-Zeit. Ein literarischer Blog gibt als Zugabe den poetisch-stilistischen Mehrwert zu erkennen, dringt durch die flache Schicht der Meinungen hindurch. Unter der Meinung liegt, so läßt sich hoffen, etwas Substanz. Manchmal erscheint mir das, was ich hier treibe, wie eine Reihe von Zirkusnummern. Ein anderes Mal schäme ich mich eines Beitrags, als hätte ich wirklich etwas offenbart oder das Feigenblatt sei verrutscht. Ich schließe mich dem Satz einer Kollegin an: „Man kann nicht schreiben, wenn man alles richtig machen will.“ (muetzenfalterin.wordpress.com)
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