Geräusche vom Karneval der Kulturen. Der Wind weht sie herbei. Nicht weit von hier ziehen sie vorbei auf bunt geschmückten Wagen oder zu Fuß. Berlin ist eine Party, wer sich hier nicht präsentiert und amüsiert, ist selbst schuld. Das gibt dieser ewig suchenden Stadt etwas Spätpubertäres. Die Frische ist zwar dahin, doch die Reflexe funktionieren. Worin das Amüsement bestanden hat, wird später einmal systematisch erforscht werden. Berlin in den Phasen des Neuanfangs nach Ende der Teilung. Phase I: Euphorie: Alles ist möglich. Phase II: Abstecken der Claims. Phase III: Kapitalisierung. Phase IV: Eutrophierung. Von der Sättigung in die Übersättigung, ein Gewässer kippt um. Der Berlin-Hype ist Vergangenheit. Nun erscheinen neu die Letzten, die davon gehört haben. Ein gesättigteres Publikum interessiert sich für die Stadt. Sie möchten, daß es hier sauber und ordentlich ist und schütteln den Kopf, wenn Schmutz und Elend in ihr Blickfeld geraten. Berlin verbiedert, könnte man fürchten. Soweit wird es nicht kommen. Die Ortsgeister sind wach und werden das Schlimmste zu verhindern wissen. Wie sie das anstellen, bleibt einstweilen ihr Geheimnis. Eine andere Frage drängt sich vor: Wie leben denn die, die so viel Party brauchen? Gibt es überhaupt ein wirkliches Leben? Wer das zu beschreiben und zu verstehen wüßte …
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.