Nächtliche Begegnung mit einem jungen Polen, der mich für einen Engländer hält, obwohl ich nicht gut Englisch spreche (eher schon lausig). Wir haben für ein paar hundert Meter denselben Weg, und er möchte als erstes wissen, wie mein Tipp für das Spiel Polen gegen Portugal lautet. Ich sage 1:0 für Polen, da mich Portugal fußballerisch nicht überzeugt. Dann sprechen wir über das Ausscheiden meiner Mannschaft bei der EM und den freiwilligen Austritt aus der EU. Er vertraut mir an, daß es schlimm für Polen sei, daß Deutschland und Frankreich so eng zusammenarbeiten und Länder wie England und Polen, die sich mögen und brauchen, außen vor lassen. Eben noch habe er mit einem Deutschen gesprochen, der ein sehr häßliches Gesicht mit vielen Narben hat, und dieser Deutsche habe nicht gewußt, daß es in Auschwitz zwei Lager gegeben habe, eines für die Polen, eines für die Juden. Offenbar hat das auch mit Fußball zu tun, ich wünsche ihm ein gutes Abschneiden seiner Mannschaft gegen Portugal und denke darüber nach, wie es sich heute oder morgen oder übermorgen anfühlen mag, ein Engländer zu sein. Schwere Zeiten für die Insel, aber die Isländer haben phantastisch gekämpft und alle beeindruckt. Dort, wo ich das Spiel schaute, gab es auch eine hämische Stimme gegen England. Sie war häßlich und dumm. Ich denke mir, daß England und das Vereinigte Königreich derzeit schwer geprüft werden und daß das Herz der Menschen sich an Vergangenes heften möchte, aber die Vernunft anders optiert. Statt Europa zu stärken haben die Regierungen versucht, viel für ihre jeweiligen Nationen herauszuschlagen. Europa ist politisch nicht begriffen. Wir verabschiedeten uns freundlich, ich als Ausgeschiedener, er als Nochmitglied der Europäischen Fußballgemeinschaft.
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