Ein Brief

Gestern habe ich einen Brief bekommen – einen richtigen Brief, handschriftlich auf Papier, in einem frankierten Umschlag, der durch Hände ging und über Bänder lief, gefahren und getragen wurde, vom Briefkasten zum Zustellzentrum, von dort ins Fach des Postboten, der ihn sortiert seiner Montagsfracht zusteckte, die er in schweren Taschen und gelben Kästen auf seinem Postrad ausfährt. Bis ich öffnete, lag er einige Stunden im Briefkasten zwischen anderer Post, die Amtliches oder Gewerbliches enthielt, jedoch nichts Persönliches. Er war der warme Brief zwischen drei oder vier kalten und den in Plastikfolie eingeschweißten Werbeblättern der großen Kauf- und Möbelhäuser. Ein ritueller Akt, den Umschlag mit dem Messer zu öffnen. (Wo ist mein Brieföffner aus schwarzem Ebenholz?) Ich mag nicht, wenn kostbare Briefe beim Öffnen zerfleddert werden. Dann habe ich gelesen und es entstand eine Ruhe. Diese Ruhe entsteht nicht beim Lesen der Elektropost, so schön oder klug ihr Inhalt auch sein mag. Die Mail ist ohne Aura. Ich war sofort gefangen und vertieft und vollständig bei den Worten, den Sätzen und ihren Bedeutungen und konnte nachsinnen und mit ihnen gehen. Wem ich diese Zeilen widme, versteht sich.


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