Die Mannschaft wollte ich bedenken, aber zu „die Mannschaft“ ist genug geschrieben und gesagt worden. Im deutschen Repräsentationsfußball wird auf Geschlossenheit Wert gelegt. Niemand soll sich auf Kosten der anderen hervortun, auch die Einzelkönner dienen dem Ganzen. Es gilt das Prinzip Unterordnung. Nur gemeinsam können wir es schaffen und so weiter. Damit arbeitet man recht erfolgreich, doch zuweilen beschleicht mich der Verdacht, daß dieses an sich einleuchtende System seine Tücken hat. Die Spieler spielen teilweise unter ihren Möglichkeiten, bleiben unauffällig und bringen sich mitunter fast schon zum Verschwinden. Die Maschinerie surrt, die Bälle laufen leicht durch die eigenen Reihen, der Gegner wird im Sechzehner zusammengepreßt, in einer wirbelnden Kreisbewegung in Bewegung gehalten und auf Lücken und Risse im Abwehrbollwerk hin abgesucht. Dann kommt der tödliche Paß. Soweit die Theorie, entwickelt in Spanien, weitergeführt in Deutschland. All dem fehlt das Überraschende, das Blitzartige. Schnell erstarrt der Systemfußball in versierter Routine, die man auch mit Lustlosigkeit übersetzen könnte. Zuviel Taktik, zuwenig Herz. Wo bleibt die Freude, wenn man seine Siege nur noch erarbeitet? Die Siege werden erwartet, das Land ist anspruchsvoll geworden oder war es immer schon. Der deutsche Nationalfußball gleicht einer Produktionslinie. Sämtliche Arbeitsschritte sind festgelegt, werden nach Bedarf variiert und veränderten Bedingungen angepaßt. Das System steht kurz vor seiner Perfektionierung, nur daß die Spanier daran bereits ermüdet sind. Mehr Improvisation möchte ich mir wünschen, mehr Mut und Lust auf Außergewöhnliches. Das Unkontrollierte bietet auch Chancen. Dazu dürften sich die ins Mannschaftsgefüge eingepaßten Gladiatoren gern einmal hervorwagen und zeigen, daß ihnen der Magen knurrt. Die Professionalisierung des Spiels zieht die Professionalisierung des Spielens nach sich. Begeisterung weicht und führt auf längere Sicht zu Entgeisterung und Verödung. Vermutlich muß die Professionalisierung noch eine Zeitlang ertragen werden, nicht nur im Fußball. Bis sie dann eines Jahres in sich zusammenbricht und an den eigenen Mythen erstickt. Alles unter Kontrolle ist der Wahlspruch des Todes.
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