Einmal lebte ich ohne Zeit. Ich nahm die Jahreszeiten wahr und genoß die Augenblicke. Manchmal zog ein Sturm auf, dann verließ ich meinen Platz unter dem Baum und ging ins Haus. Unter dem Baum aber schrieb ich des Sommers, wenn es dort schattig und lauschig war, hin und wieder fremde Katzen erschienen und die Mauersegler über den kleinen Hof jagten und schrien. Ich sei vermutlich der glücklichste Mensch, den er kenne, sagte ein Nachbar, der von seinem Fensterplatz aus sehen konnte, wie ich dort saß im Licht einer Petroleumlampe. Zuweilen dachte ich selbst, ich sei es. Eine gute Zeit. Dann hackten sie den Baum ab und ich habe mich ins Innere zurückgezogen. Draußen wäre ich schutzlos, und mit einem Sonnenschirm über meinem Schreibplatz kann ich mich nicht anfreunden. Ich käme mir vor wie ein Campingschreiber oder einer aus diesen Biographiefilmen: F. Scott Fitzgerald an der Schreibmaschine auf der Terrasse seines Sommerhauses in Sonstwo. Nein, ich bevorzuge die natürlichen Schatten. Heute dachte ich auch über Gärten mit Blumenbeeten nach, in denen Rosensträucher oder Rhododendren aus nackter Erde wachsen, weil alles andere, was dort ebenfalls wachsen könnte, ausgerissen wurde. Ich verstehe das Konzept. Es ähnelt dem Verkaufstresen einer Fleischerei, wo auf den Auslageblechen ja ebenfalls nur das eine liegt, Kotelett oder Schweinebauch. Gärtnern ist eine Kunst, es bedeutet nicht ausreißen und vernichten. Ich bevorzuge die Wildblumen und jenes Gescholtene, das einfach wächst, weil es dort hingehört. Darunter große unbemerkte Schönheiten, die mich staunen lassen. Wir sind in unserer Kultur recht häßlich zu jenen Blumen und Gräsern, die wir die gemeinen nennen. Dabei wäre vieles zu entdecken und eine ganz veränderte Wertschätzung ist denkbar. Was ich manchmal über Tiere denke, denke ich nun auch über Blumen und die seltsamen Gewächse, die genau dort auftauchen, wo einmal der Schreibbaum stand: DIE GIBT ES JA AUCH NOCH. Ja, einmal lebte ich ohne Zeit. Jetzt lebe ich mit ihr und bedenke manches neu.
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Wie schön, eine Sprache zu lesen, die ich noch erinnere als gesprochene Sprache. Vor unbeschriebener Zeit. Und dann mein Hoffen, auch einmal einen Schreibbaum zu finden, oder nur einen Denkbaum, in einem Leben ohne Zeit. Welche Erleichterung für Kopf und Herz wäre das. Vielleicht auch für die Hände, da ich ja kein Schreiber bin, wie du, lieber Holger. Ich könnte einfach nichts tun und mich fragen, ob Blumen so etwas wie Zeit kennen. Und wie kurz ist sie, wenn man nur einen Sommer blüht …?
Eingedenk dessen, sollte man gar keinen Schatten aufsuchen, sondern die pralle Energie der Sonne in sich aufsaugen, bis die Haut schmerzhaft zu schwarzroten Fetzen zerfällt.
Ich würde dir gern auch einen Brief schreiben. Diesen Sommer. Ohne Schatten!
Herzlichst!
— ingo —