Katherine Anne Porter III

Sind Künstler besser Einzelgänger?

Porter: „Ich habe nie irgendeiner Gruppe oder irgendeiner Clique angehört. Wer wirklich Künstler ist, dem ist es verwehrt, mit dem Rudel zusammenzuleben. Nehmen Sie beispielsweise die Tatsache, daß ich nach Mexiko ging, während es jeden anderen nach Europa zog …“

Sie bezieht sich auf die Autoren der von Gertrude Stein so genannten lost generation und erklärt: „Die Vorgänge in Europa hätten mir den Hals abgeschnürt – ich hätte empört und aufs äußerste angewidert auf sie reagiert. Selbst heute noch halte ich, sobald ich an die zwanziger Jahre denke mitsamt ihren schönen Legenden, diese Zeit für eine scheußliche Epoche: schal, trivial und so albern. Bemerkenswert für mich ist nur, daß eine solche Atmosphäre überhaupt irgendwer überleben konnte – die Zeit, wo man sich nicht scheute, Francis Scott Fitzgerald für einen großen Schriftsteller zu halten.“

Interviewerin: „Halten Sie ihn denn nicht dafür?“

Porter: „Aber natürlich nicht. Ich konnte schon damals seine Bücher nicht zu Ende lesen, und heute kann ich es genauso wenig. (…) Ich mochte auch jene Leute nicht, über die er schrieb. Meine Meinung war die, daß es sich nicht lohnte, überhaupt einen Gedanken an sie zu verschwenden, und derselben Meinung bin auch heute noch. Für mich gilt, daß die Menschen in irgendeiner Hinsicht bedeutende Menschen sein müssen. Derart stupiden und bedeutungslosen Wesen jedoch kann ich beim besten Willen nicht das geringste Interesse abgewinnen. Ich bedaure sehr, daß es heute wieder genauso anfängt wie damals – daß nämlich die Schriftsteller nicht merken, wie sehr ihr Beruf von ihnen verlangt, sich den allerletzten Erfahrungen und Dingen zu stellen.“

Interviewerin: „Ist das eine philosophische Feststellung?“

Porter: „Nein, in diesem Fall möchte ich den Ausdruck ganz und gar künstlerisch verstanden wissen – im Sinne der Maxime nämlich: Wer Künstler ist, der hat aus den Konsequenzen seines Werkes wiederum Konsequenzen für sich selber zu ziehen.“

Sie wählt William Styron als Beispiel für ein bloßes „Wetterleuchten“ von vorgestellten Leidenschaften: „Es gibt doch auf der ganzen Welt nichts Sinnloseres als die strapaziöse Eskapade eines Mannes, der nur deshalb weggeht, weil er sich an einer Dachrinne aufhängen soll oder will. Man schnappt nach Luft und fragt: Na und? Zugegeben, vielleicht wollte Styron genau das demonstrieren; vielleicht wollte er gerade die Heimsuchung zeigen, die aus der Sinnentleertheit der Dinge erwächst. Aber lassen Sie sich eines von mir sagen: Es gibt nichts, das inhaltslos, nichts, das bedeutungslos ist, wenn ein Dichter vorhat, sich mit diesem Zustand auseinanderzusetzen. Und einzig das ist schließlich seine Aufgabe. Er hat einfach nicht das Recht, dieser Aufgabe auszuweichen, wie Styron das tut. Man darf ruhig im menschlichen Leben so etwas wie unüberbietbares Chaos sehen; die Aufgabe eines Autors und damit seine einzige Rechtfertigung läßt sich nur so verstehen: Er muß die ganze Skala von Verwirrungen und sinnlosen Kontrasten, die in den Dingen stecken und deren Unvereinbarkeit auf der Hand zu liegen scheint – das muß er nehmen, formen, konturieren und dem einen Sinn geben. Selbst dann, wenn eine Sinngebung nichts anderes wäre als ein Spiegel seiner subjektiven Meinung. Dazu ist er ja da, daß er seine Auffassung vom Leben anderen mitteilt.“


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