Der Kopf und die Augen eines Tigers

Eine Stadt, ein Marktplatz? Das Areal war dafür zu groß und der Platz zu öde und ungestalt, gesäumt von garnisonsähnlichen Gebäuden. Mannschaftsquartieren? Speichern? Ställen? Dazu paßte das Stroh, das überall verstreut lag. Kavallerie? Niemand in Sicht. Mittagszeit. Sonne im Zenit. Wir hielten uns im Schatten der Pergola, an der wilder Wein gestrüppartig rankte. Fensterläden standen offen und gaben den Blick in tiefe Räume frei. Außer schmalen Säulen war dort im Halbdunkel nichts zu sehen, auch nichts zu hören. Entweder schliefen sie wie nach einem betäubenden Fest, oder man hatte den Standort Hals über Kopf preisgeben müssen. Am Brunnen in der Mitte des verwaisten Platzes, der vielleicht kaum mehr war als eine Tränke, scharrte ein Tier mit der Vorderpfote im Stroh und wendete einen sackähnlichen Gegenstand, einen Körper. Bevor wir gewahr wurden, was dort geschah, hatte der Tiger uns erblickt und setzte in langen Sprüngen auf zur Jagd. Ich besann mich der Hähnchenkeulen in unserem Gepäck und warf sie ihm zu. Tatsächlich schien er verdutzt und roch wohl auch. Wir hörten seine Tatzen auf den nackten Fliesen des Wandelgangs und wußten, daß wir dieses Geräusch niemals würden vergessen können, sofern Erinnerung uns gestattet wäre. Dann war sein Kopf ganz nah. Ich sah dem Tiger in die Augen. Das war im Traum letzte Nacht. Erst hielt ich ihn für einen Luchs. Ich weiß nicht mehr, wer mich begleitet hat, doch wir waren zu zweit. Der Wandelgang war zum Hof hin durch eine Brüstung geschützt. Deshalb lief der Tiger in großem Bogen entgegen dem Uhrzeigersinn auf uns zu. Am Ende des Traums der Kopf des Tigers vor mir, so wie ich es geschrieben habe. Als Kind war der Tiger mein Lieblingstier.


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