Zum ersten Mal lese ich Georges Bernanos, einen der, wie es auf dem Umschlag heißt, „bedeutendsten Vertreter des renouveau catholique in der französischen Literatur“, der am Beispiel seiner Romanfiguren habe zeigen wollen, „was christliche Existenz bedeutet: ein ständiger, unmittelbarer Kampf zwischen ‚Gott‘ und ‚Satan‘ im Herzen des Menschen“. Ich lese Die Sonne Satans und weiß nach wenigen Sätzen, daß der Autor spöttische Distanz zu wahren weiß. Die ‚Herren‘ erscheinen großspurig und eingebildet, sind von fadenscheiniger Rechtschaffenheit und begehen kleinere und größere Dummheiten. Die Versuchung (günstige Gelegenheit) reißt sie fort, läßt sie berechnend denken und handeln und verführt zu Hinterlist und Bosheit. Schließlich werden sie nicht mehr zu retten sein … Bernanos kennt die sogenannten einfachen Leute – Kleinbauern, Knechte und Mägde, Handwerksgehilfen, Ladenmädchen, Tagelöhner, Landstreicher – ebenso gut wie jene, die sich als ihre Vormünder aufspielen. Seine Romane spielen auf dem Land, wo jeder jeden kennt und es deutlich schwerer ist als in der Stadt, dem anderen etwas vorzumachen. Nur die Gebildeten leben dort in herausgehobener Stellung, was leicht dazu führt, daß sie sich für unangreifbar halten.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.