Der Niedergang des Imperiums

Dekadenztheorien besagen, daß Imperien erschlaffen und in sich zusammensacken, wenn ihre Mission erfüllt ist. Das geschieht im Zeitraum ihrer größten Ausdehnung und Geltung. Auf dem Weg dorthin haben sie sich erschöpft, eine Müdigkeit ergreift alles und jeden. Die Bewohner leben weltabgewandt, interessieren sich kaum mehr für das, was woanders geschieht, und wünschen gnädig in Ruhe gelassen zu werden. Auch den Eliten leuchtet nicht mehr ein, wieso man sich für andere Weltregionen zuständig zeigen sollte. Bevor der Rückzug für alle sichtbar angetreten wird, hat er in den Herzen und Köpfen stattgefunden. Schließlich werden die Außenposten geräumt. Man besinnt sich auf sich selbst.

Die Vereinigsten Staaten von Amerika scheinen sich auf diesem Weg zu befinden. Den Glauben an ihre Weltmission haben die Amerikaner nahezu vollständig aufgegeben. Hilflos muß die große Weltmacht mitansehen, wie sie nicht eine der bekannten Problemregionen nachhaltig zu befrieden vermochte – im Gegenteil: sie wird als Teil des Problems wahrgenommen. Es ist buchstäblich so, als verstünde man jenseits des Atlantik die Welt nicht mehr. Dabei sind die Eliten des Landes informiert. Diese Eliten aber haben derart abgewirtschaftet, daß eine Figur aus dem Off wie Donald Trump ihnen gefährlich werden und ernsthaft nach der Macht greifen kann.

Wie dieses Niedergangsspektakel zu lesen und zu deuten ist, wird uns die nächsten Wochen, wenn nicht Monate beschäftigen. Gespannt, nein: angespannt werden wir die Präsidentschaftswahlen verfolgen. Bereits jetzt stockt einem der Atem, wenn der Kandidat wieder einen seiner fragwürdigen Witze reißt. Sie sind nicht grenzwertig, sie sind bereits darüber hinaus. Ein in der westlichen Welt verbreiteter Trend zu offener Respektlosigkeit und primitiver Herabwürdigung des Anderen kulminiert in diesen unfaßbaren Dummheiten. Trump bedient die Zukurzgekommenen und dringt in ihr Bewußtsein als einer, „der die Wahrheit sagt“, und zwar, weil er es sich leisten kann. Sie können sich das nicht leisten. Sie müssen kuschen. Er ist ihr Idol.

Für Taoisten ist der Abstieg eine logische Folge des Aufstiegs. Er liegt in der Natur der Dinge und muß erfolgen. Allein dem westlichen Denken scheint es aufgegeben zu sein, in einer Überbietungslogik gefangen zu sein und noch vom Gipfel aus weiterklettern zu wollen. Die USA benötigen dringend eine Pause, scheint es. Die Einheit des Landes ist in Gefahr, sie zerbrechen gerade an ihren Aufgaben. (Europa sollte sich dringend besser verstehen lernen, denn es wird mit in diesen Strudel gerissen werden.) Noch immer denke ich übrigens, daß der Clown nicht gewinnen wird. Aber die Risse sind da und werden sich noch vertiefen. (Woher ich das weiß? Nur eine Ahnung, ein Impuls meines Nachdenkens heute, während ich schreibe und im Schreiben weiter vordringe als ohne dieses Schreiben.)


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