Einen Tag wenden II

Am Ende des Tages werde ich mich über die Pianistin Hiromi Uehara unterhalten und dabei an Austin Peralta denken, der mit ihr musizierte und im Alter von zweiundzwanzig Jahren verstarb. Nun, da der Tag gewendet ist, höre ich sein 2011er Album Endless Planets und versuche mich an die Einzelheiten zu erinnern. Manchmal ruft Gott seine Engel zu früh zurück, kommentiert einer. Er meint Peralta. Zurück in den Tag. Ich komme aus der Bank und lenke meine Schritte unwillkürlich Richtung Landwehrkanal. Ich habe die Wohnung verlassen mit dem Gedanken, „irgendwohin“ zu laufen. Irgendwo kann überall sein. Während ich laufe, spüre ich häßlich meine Sklavenmoral. Sie lautet: Am liebsten wärest du jetzt bei deiner Arbeit, dann wüßtest du, was zu tun ist – so aber … So aber versuche ich, meine Schrittlänge und Geschwindigkeit für den heutigen Tag (Donnerstag) zu finden. Ich stelle fest, daß mir die Langsamkeit liegt, eine sehr ausgeprägte Langsamkeit. Ich laufe fast schon afrikanisch, sofern mir das Unmögliche möglich ist. Ich habe Zeit. Nein, ich gehe in der Zeit, und die Zeit hat Raum. Heute keinen Döner, der Imbiß ist voller Leute. Ich kann später essen. Vor der Kottbusser Brücke sitzen auf edding-markierten Bänken die schwarzledernen alten Strolche mit den rock’n’roll-romantischen Stirnbändern und den tiefen Furchen im Gesicht, ihnen zu Füßen die nickenden Tauben im Glanz ihres ewigen Grau mit Grün. Am Kottbusser Tor viel Polizei. Die Gruppen der arabischen „Antänzer“ sind dort, früher Nachmittag, angespannte Atmosphäre. Warten auf ein nächstes Delikt. Beide warten, nur das Opfer weiß noch nichts. Die Oranienstraße erscheint mir vergammelter denn je, klein auch, auf eine Weise albern. Als sei Berlins Bunteste zur Jahrmarktattraktion verkommen, schlimmer noch: Kulisse eines Spielfilms geworden, der in Berlin „mitten in Berlin“ spielt. Auslage eines Antiquariats: Soll ich Kaputt kaufen, nachdem ich Die Haut und Blut noch immer nicht ganz gelesen habe. Curzio Malaparte, „traurig, hart, streng“. All diese Autoren, um deren Werke ich kreise oder sie um mich. Eines Tages stürzen wir ineinander.


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