Einen Tag wenden III

Wie weit bin ich denn schon? Auf dem Heinrichplatz sitzen sie auf den Pollern und rauchen. Das Bateau Ivre ist leer, Ferienzeit. Es raschelt über mir, ich sehe hinauf. Auf dem Baum sitzt ein Mann. Ich frage ihn, ob es gut geht. Er sagt, es geht gut, er denke nur ein wenig nach. Ob das da oben besser geht als hier unten, frage ich. Eindeutig, sagt er. Er könne weiter sehen und sei doch geschützt. So wird es den Vögeln gehen, sage ich. Ja, nur fliegen kann ich noch nicht, sagt er. Wir lachen und nehmen Abschied. Einen schönen Tag noch. Mir geht es bereits viel besser. An der Hochbahnstation Görlitzer drängen sich die Ein- und Aussteigenden, andere stehen an den Säulen und warten auf Kundschaft, ein Opfer, einen dummen Touristen. Ich könnte ebenfalls warten – darauf, daß es geschieht, um dann einzugreifen und den Beutefang zu vermasseln. Der Hunger treibt mich weiter. Auf welcher Straßenseite der Skalitzer soll ich gehen. Ich probiere beide Seiten aus, entscheide mich dann für den Weg in der Mitte. Unter der Hochbahn geht sonst niemand. Es ist frisch gefegt. Eine lange, lange Kegelbahn. Nun fühle ich mich einsam und wechsle auf die linke Seite. In jenem Postamt habe ich gearbeitet, als ich nach Berlin kam. Das ist sechzehn Jahre her, ich gab die neuen Telephonbücher und die Gelben Seiten aus. Mein erster Job, vermittelt durch eine Zeitarbeitsfirma. Ich verdiente 7 Mark 50 die Stunde, die andere Häfte kassierte die Agentur. Man muß sich arm arbeiten, damit es Reichtum geben kann. Das Tätowierstudio hat keine Kundschaft, vor der Tür wird nur geredet. Der Meister ist klapperdürr und ein Bild seiner Kunst. Ich gehe nun noch langsamer. Schlesisches Tor, Strudeltopf des öffentlichen und privaten Nahverkehrs. An der Ampel wartet eine Frau mit einer Figur wie aus einem Sexcomic. Ihr Begleiter ist ein charmanter blasser Intellektueller, der sie gut versteht. Ich esse etwas weiter eine Currywurst mit Pommes, trinke dazu ein frisches Beck’s. Der Imbißmann nennt mich „mein Lieber“, ich überhöre das und nehme Platz. Meine Tischnachbarn reden über ihre Herzinfarkte und Stromschläge, die man sich als Heimwerker holen kann. Oft eine gewischt bekommen. Dann die Zähne. Der Holländer mit dem aufgedunsenen Gesicht zeigt mir seine dritten und nennt den Preis. Die Kippen, die er dreht, sind Knastformat, superdünn. Der Imbißmann sieht, daß es mir schmeckt und fragt: Nun schon besser? Ja, sage ich, manchmal vergesse ich zu essen. Sein Mund hängt schief, er war beim Zahnarzt. Dem habe ich gesagt, daß ich manchmal kiffe, da hat er etwas mehr Betäubung reingegeben. Ich habe noch Bier in der Flasche, also unterhalte ich mich noch etwas. Er empfiehlt seinen Zahnarzt: Der macht nicht einfach so, der erklärt, was er macht, bevor er es macht. Das ist besser.


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