Das Vorgegebene ist gar nicht genug

Gestern überfiel ich mich ein einfacher Gedanke mit der Wucht einer fundamentalen Erkenntnis. Ich stand auf der Straße zwischen Menschen und unterhielt mich. Ein Geschäft wurde eröffnet, es gab kühle Getränke und gepflegten Jazz. Dabei dachte ich an die Bedeutung aller Dinge und ihren Platz im Gefüge der Welt. Kaum hatte der Gedanke mich erreicht, äußerte ich ihn bereits. Ich sagte: Die Dinge haben die Bedeutung, die ich ihnen gebe. Ich dachte: Was mir wichtig oder bemerkenswert erscheint, entscheide ich. Das ist der volle Gebrauch meiner Freiheit. Selbstverständlich kann man annehmen, die Dinge hätten an sich (oder in sich) bereits eine eigene und treffende Bedeutung, die zu erforschen, zu erkennen und zu benennen ist. Meinetwegen. Möge geforscht, erkannt und benannt werden, vielleicht schwankt dann der Boden etwas weniger unter den Füßen. Gegenüber stand diese Kirche aus hellrotem, sandstrahlsauberem Backstein mit ihrem Namen und den Schaukästen für die Bekanntmachungen. Sie wird eine Bedeutung haben, ebenso wie das Buch, das ich gestern erwarb, eine hat. Nicht nur eine, sondern viele.

In den Lernprozessen unseres Lebens werden wir semantisch gedrillt. Das hat eine gute Seite – denn so stehen wir auf gemeinsamem Grund und reden nicht ganz so leicht aneinander vorbei. Die andere Seite zeigt auf mehreren Bildern (1) die Konformität des Schauens, Hörens, Denkens, Sprechens, Handelns; (2) die Bemerkensarmut vieler Leute, selbst solcher, die man mag oder liebt; (3) die Einfallslosigkeit im Umgang mit Phänomen und Konstellationen und (4) die verwaisten Dinge und Verhältnisse, die sich niemand zu Herzen genommen, gewärmt und getröstet hat. Denn das heißt doch Verstehen.

Es ist nicht besonders schwer, sich vorzustellen, man wäre das mit Aufklebern versehene Straßenschild an dem schief stehenden Metallpfahl, gegen den nachts noch getreten wurde, weil ein Mann sich unwohl fühlte und fand, der Pfahl könne einen Tritt vertragen, stellvertretend für die Welt oder Wirklichkeit, in der es dem sicher angetrunkenen Mann nicht gefällt, da die Dinge nicht nach seinem Wunsch laufen, sondern nach anderem Gesetz, beispielsweise dem des freien Willens jener Frau, die er so gerne haben und besitzen möchte. Scheiße, sie will ihn nicht – und tritt zu. Wen? Die Frau, den Pfahl, die Welt?


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