Langsame Uhren

Ob wir dermaleinst empfangen werden, zu unserem Tod, rechtzeitig … Die Gewißheit älterer Zeiten diesbezüglich ist dahin. Das 19. Jahrhundert hat bereits nicht mehr daran geglaubt – nur noch gehofft, daß die Materialisten irren. Auf dem Land gehen die Uhren anders: Meine Bauerngroßeltern glaubten an Gott und fürchteten seine Strafe. Sonntags in die Kirche zu gehen war ihnen selbstverständlich wie das Abendgebet. Ihr Glaube war durchwirkt von Aberglaube und Volksmagie. Es galt zu verhindern, daß man Unheil auf sich zog. Unheil zog auf sich, wer eine der vielen ungeschriebenen Regeln mißachtete, und sei es nur, daß er den Tag vor dem Abend lobte. Als Bauern wußten sie, daß es nicht allein in des Menschen Hand liegt, den guten Ausgang der Dinge zu besorgen. Sie lebten von der Gnade des Herrn, jener rätselhaften Macht über allem und allen. Ihr mußten sie sich fügen: von der Geburt bis zum Tod. Ihr Ethos beruhte auf Gehorsam, Arbeit und Vertrauen. Wenn mein stoppelbärtiger Großvater fluchte, wies meine Großmutter ihn zurecht wie ein ungezogenes Kind. Er lachte dann und zwinkerte mir zu.


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