Dem Leben den Ernst austreiben. Manchmal ist es angezeigt, sogar dringend vonnöten. Wenn die enge Strenge zu siegen beginnt und strenge Enge verordnet. Wenn die tragischen Gesichter nicht mehr zu ertragen sind. Wenn sie, zunächst leider unbemerkt, komisch zu wirken beginnen (begossene Pudel), um später endlich lächerlich zu sein. Verordnete Trauer, verordnete Betroffenheit. Ich hörte eine Frau auf ihren Mann einreden, humorlos wie eine Lehrerin oder Pfarrerin, die von sich glaubt, sie erzöge einen Menschen dadurch, daß sie auf ihn einredet und zur Schnecke macht. Eintrichtern. Sie sagte: Das hat mich sehr enttäuscht. Sie sagte: Das war mir wichtig. Sie sagte: Das möchte ich nicht noch einmal erleben. Er war älter als sie, aber er ließ sie gewähren. Ihre moralische Aufgeblasenheit, ihr selbstgefälliger Egoismus stießen mich ab, so daß ich kurz davor war, sie mir vorzuknöpfen, um aus ihrem häßlichen Ballon ein wenig die Luft herauszulassen. Ich verlieh ihr das Prädikat apostolisch. Apostolisch ist jenes Ins-Gewissen-Reden, bei dem ein betretenes Schweigen eintritt und die Stille unangenehm wird, geradezu terroristisch. Apostolisch ist jenes Vorwürfe-Machen, bei dem der andere die Rolle des reuigen Sünders zuerkannt bekommt. Ein solch betretenes Schweigen ist das Widerwärtigste, was ich kenne. Es steht für den Triumph einer unwissenden Pseudomoral und die schlimme Überlegenheit des Verurteilens. Protestanten wissen exakt, wovon ich rede, und manche Katholiken auch. Man muß dann laut loslachen und die Prediger solcher Viertelmoral im Dunstkreis ihrer Lichtlosigkeit stehen lassen. Sich bloß nicht darauf einlassen, sonst denken sie noch, sie hätten recht, und stoßen gleich noch einmal nach. Ihr Problem, daß sie nicht zu leben verstehen.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.