Mittwochsbericht

Laub liegt um die Stämme der Bäume. Es wurde bereits mehrfach bemerkt, daß sie ihr Kleid abwerfen, und bald stehen sie nackt und kahl in der Kälte und frieren. Abnehmender Mond. Sonntag ist Neumond. Wer zwölf Stunden in Folge arbeitet, schläft im Zug ein und schreckt hoch, wenn jemand sagt: Endstation. Des Lebens, jetzt schon? Ich denke viel und oft an den Tod und weiß nicht warum. Mir ist manchmal nach Sterben. Vielleicht geht es anderen ebenso, niemand spricht darüber. Hier scheint ein Tabu vorzuliegen, ich möchte es auch gar nicht brechen. Doch um mich herum stirbt eindrucksvoll die Natur ihren Alljahrestod; sie verbindet sich mir immer stärker. Ich bilde mir ein, die Tage zu spüren, sehr einzeln und besonders. Ich müßte jedem Tag auf Erden ein eigenes Bild malen und hätte Mühe, so viel Schönheit aufzubringen, wie sie von mir fordern. Ich werde ihr gar nicht gerecht, das macht mich traurig. Die Friedhöfe singen sehr leise Lieder. Sich entlang der Grabmale bewegen, langsam und lauschend. Es gab vor uns viel Leben auf diesen Gebieten. Wohin sind all die Seelen? Wer hält wen besetzt? Manche gehen, ohne sich ausgesprochen zu haben: nicht als Problem oder Vorwurf, sondern als Wesen. Erst allmählich verstehe ich die Sprache der Augen. Sie scheinen und funkeln und geben so schön. Wie bemitleidenswert sind die Nervösen, daß sie so durch die Blicke hetzen und im Vorbeihuschen nur die letzten Reste der Botschaft erhaschen. Wohin nur sollen sie so geschwind, welche Einsicht wäre zu fürchten? Vielleicht halten sie es nicht aus, denke ich nun, da es spät ist und ich den Mittwoch hier beende eine Stunde vor Ablauf der Zeit. Vielleicht sind sie der großen Sache nicht gewachsen. (Deshalb auch treiben sie uns an.)


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