Wahl

Selbstmord sei egoistisch, höre ich soeben. Nun, wer sagt das und wo hat er das gelernt und wer hat ihm das beigebracht? Der es sagt, ist Autor, er läßt in seinem Roman einen Mann sterben, jedoch nicht durch eigene Hand, sondern die Immunschwäche HIV. Vorbild für diesen Mann im Roman, der ja „nur“ Figur ist und also vorgeführt wird, ist ein Mann im echten Leben, der sich tatsächlich umgebracht hat. Dem Romancier erscheint dieser Abgang zu egoistisch, der möchte ein anderes Ende für seinen Freund, ein weniger egoistisches … Welches Recht hat dieser Autor, das Ende eines Menschen umzudichten zugunsten der Moral? Da er Autor ist, also Gott, hat er jedes Recht dieser Welt, nur stimmt seine etwas schlaffe und konforme Entscheidung nachdenklich. Niemand möchte einen Angehörigen zerschlitzt in der Badewanne vorfinden, abgesoffen in blutrotem Badewasser. Niemand möchte einen zerschlagenen Körper auf dem Parkplatz nahe der Hauswand des 14stöckigen Wohngebäudes auffinden. Niemand möchte hören, wie ein Körper aus großer Höhe aufschlägt auf Asphalt. Niemand möchte einen Erschossenen erblicken am Morgen nach dem Aufstehen. Niemand möchte dabei sein, wenn einer vor die Bahn springt ganz vorn am Bahnsteig oder mitten auf der Strecke. Leben ist heilig. Sakrileg nennt man, was gegen Heiliges verstößt. Das Leben ist heilig, aber die, die es für sich beenden, sind nicht minder heilig. Ihre Eile macht nachdenklich, ihre Entschlossenheit staunen. Es gibt die Freiheit.

 


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