Befangen

Man kann von sich selbst befangen sein, das ist eine schlimme Sache. Befangenheit ist eine Gefangenschaft in begrenztem Interesse. Man spricht von Voreingenommenheit, die zu eingeschränktem Urteilsvermögen führt. Freunde warfen mir vor Jahren vor, ich litte an „Eigendünkel“. Ich kannte das Wort nicht und mußte es mir erst verständlich machen. Zu verstehen war: ich sei zugunsten meiner selbst voreingenommen. Mit einem anderen Wort: ich sei nicht demütig genug. Ich beanspruchte etwas, was mir nicht zusteht. Sie wurden deutlicher: ich müßte mich anstellen, mich beugen, mich redlich bemühen, mich keinesfalls anderen überlegen dünken (da ist endlich der Dünkel), zunächst vorlieb nehmen mit diesem oder jenem, mit dem auch andere sich hätten arrangieren müssen usw. Ich fand das recht einleuchtend, denn ihr Vorwurf traf auf mich zu. Andererseits träumte ich, ohne es sagen oder auch nur wissen zu können, von einer ganz anderen Art des Schauens und Denkens, der Empfindung und des Schreibens, der Darstellung dessen, was wirklich passiert und nicht nur ausgedacht ist. Ich mochte mich tatsächlich nicht einordnen in die Reihen jener, die ganz offensichtlich Schlange standen vor einem anderen Tempel oder einem anderen Geschäft. Ich suchte ja gar nicht das, was sie suchten: Anschluß an die Autoritäten des Schreibwarenhandels. Und schon wieder wird deutlich, wie befangen ich bin, wie gefangen ich bin von meiner Einbildung, daß es diesseits des Geläufigen eine Poesie geben müßte, die sich nicht den Autoritäten andient, die nicht auf die Meisterbesprechung hofft von Typen wie Denis Scheck, der meines Alters ist und ausprobiert, welche Macht und welchen Einfluß er nehmen kann auf das Schicksal von Büchern und Autoren. (Er zeigt sich verführt. Das fällt der Macht am leichtesten.) Für die Poesie sind die Geschäfte notwendiger oder überflüssiger Blödsinn, nahezu irrelevant. Für die Geschäfte sind nämlich die Verleger zuständig oder die Agenten – die haben sich zu kümmern, daß ein Autor schreiben kann. Wenn die Autoren anfangen, sich (ganz amerikanisch) für sich selbst einzusetzen und als Geschäftsmänner ihrer Ideen zu fungieren, brauchen sie mindestens die Frechheit eines Picasso oder den Charme eines Bertolt Brecht. Jeder Künstler ist total befangen in Sachen der eigenen Person und des eigenen Schaffens, und wer von einem Künstler erwartet, daß er sich erstmal „beweisen“ müsse, der bekommt einen Butterkeks. Ich träume noch immer wachen Verstands von einer Poesie des anderen Bewußtseins. Das ist eine schlimme Sache, und sie ist längst nicht ausgestanden. Was sollen wir denn noch alles? Schwiegersöhne werden, Häuser errichten, Gartenzäune streichen, Gräber ausschachten, Satellitenschüsseln montieren, Pflegedienste leisten, Geschlechterdebatten moderieren? Heute ist Allerseelen, da wird der Gepeinigten gedacht, da legt man Brot aus. Da werden sie aus dem Fegefeuer entlassen für ein paar gnädige Stunden. Wer steht uns bei in dieser dünnen Gegenwart?


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