Was ein Mensch im 21. Jahrhundert an seinem Ort und in seinen Verhältnissen empfindet und denkt, was ihn beschäftigt und wie er sich ausdrückt – darum soll es hier gehen. Von Zeit zu Zeit mögen Einträge „zu privat“ erscheinen. Ich gebe mir Mühe, die Grenze nicht zu oft zu überschreiten. Allerdings weiß ich nicht genau, wo sie verläuft. Früher behaupteten sie, das Private sei politisch. Es war die Zeit der Politisierung. Heute scheint es umgekehrt zu sein: das Politische wird privatisiert. Auch hier weiß ich nicht, wohin ich mich stellen soll. Privat bedeutet abgesondert, verschlossen; es ist das Eigene, das unverfügbar mir selbst gehört. Das Politische ist das Öffentliche; zu ihm zählt, was für die Allgemeinheit von Belang ist. Insofern ist jede öffentliche Bekundung politisch.
Auch die Poesie? Auch die Bekenntnisse, die Geständnisse, die Beichten, die Gefühlsausbrüche, die Klagen? Ja, auch sie. Nur daß mit ihnen kein Staat zu machen ist. Sie sollten nicht den Voyeurismus bedienen oder exhibitionistisch wirken. Doch die Poesie trägt stets auch Züge der Selbstentblößung. Die Autoren leisten Unterschiedliches, um dies zu verschleiern. Ich möchte das gar nicht erst versuchen. Wenn hier „ich“ steht, dann ist niemand anderes gemeint als der Autor selbst, was immer man vom Ich-Konzept der westlichen Welt halten mag. Ich selbst betrachte mich als eine Versuchsanordnung, die das Leben sich leistet. Ich weiß ja nicht, was leben ist. Ich tue es das erste Mal, mir fehlt der Vergleich. Deshalb forsche ich. Allein aus diesem Grund bin ich mir interessant.
Ebenso oder anders interessant sind die Menschen, die es mir gestatten, sie kennenzulernen. Ich kann nicht in ihnen leben, aber ich kann sie spüren. Irgendwie gelingt das – es ist aufregend und anstrengend zugleich. Noch anstrengender aber ist das Ich-sein-Müssen. Wir sind dazu verdonnert, ich zu sein, und fürchten die multiple Persönlichkeit. Offenbar ist es unsere Pflicht, alles in uns in Übereinstimmung zu bringen. „Ich ist ein Anderer“, schrieb Rimbaud. Ich sind andere, hätte er schreiben können. Was ist angesichts dieser Situationen und Konstellationen überhaupt privat? Was ist mein Eigenes, von dem niemand wissen soll? Ich leiste mir eine negative Definition: alles, was nicht hier erscheint, ist privat. Wenn es hier erscheint, ist es nicht privat genug. Es sei denn, ich leiste mir einen Ausrutscher. Dann ist es geschehen. Solches geschieht. Es ist schlimm für beide: für Leser und Autor. Man ist peinlich berührt.
Ich selbst bin oft genug peinlich berührt von dem, was hier steht. Ich bin es ständig. Deshalb auch ist es besser, niemals etwas zu veröffentlichen. Dann ist es nämlich fort, dann hat man es freigelassen und aufgegeben. Als irrten die eigenen Kinder im großen dunklen Wald herum und fänden nicht mehr heim. So ist das, wenn man etwas herausgegeben hat. Es ist ein Im-Stich-Lassen, ein Verrat. Ich habe euch etwas verraten. Jetzt ist es zu spät.
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