Der Kampf, die Widersacher, ihre Angebote

Drei Elvis-Songs ausgehalten, und die nicht einmal ganz, von seinem letzten Album zu Lebzeiten, Moody Blue, Juli 1977, im August war er tot. Way Down kam als Single-Auskopplung auf den Markt. Die Fans rieben sich die Augen, als sie sahen, was aus ihrem Idol geworden war: ein Fettkloß im weißen Las-Vegas-Glitzeranzug, aufgeschwemmt, Doppelkinn, schwitzend. Ein 42jähriges Wrack, eingesperrt in die Speckmauern aus Kummer, Verzweiflung und Einsamkeit. Medikamentenabhängig, hilflos wie ein Kind, zweifelhaftern Beratern ausgeliefert, ein Opfer des mörderischsten Business‘ seit den Gladiatorenkämpfen im sogenannten Alten Rom. Todesursache über Jahrzehnte umstritten, plötzlicher Herzstillstand infolge Medikamentenmißbrauchs oder einer chronischen Darmerkrankung. „Taking a long time to die“, sprach oder sang John Trudell in Baby Boom Che (1992, AKA Graffiti Man):

Man like he woke us up
And now they’re trying to put us back to sleep,
So we’ll see how it goes.
Anyway, look at the record, man,
Rock ’n’ roll is based on revolutions
Going way past 33⅓.
You gotta understand, man,
He was America’s baby Boom Ché.
I oughta know man,
I was in his army.

Der sterbende Elvis ist der Schnulzen-, Schmalz- und Diamant-Elvis, der traurige Millionär, eingesperrt in Graceland, kaufsüchtig, neurotisch, ein Auto-Narr, für jeden Tag ein anderer Wagen, menschenscheu, isoliert. Alles im Leben erreicht, auch deshalb am Ende. Kein Wunsch mehr frei. Wohlstand wird zu Luxus, Luxus tötet. Drei Elvis-Titel ausgehalten, die nicht mal ganz. Rock’n’roll is based on revolutions. In Baby Boom Che gibt es eine Gegenüberstellung von Pat Boone und Elvis und eine interessante Deutung dieser Konstellation:

America hurriedly made Pat Boone a general
In the army they wanted us to join
But most of us held fast to Elvis and the commandants around him
Chuck Berry, Buddy Holly,
Little Richard, Bo Diddley, Gene Vincent,
You know, like a different Civil War all over again.
I mean, you take ‘Don’t Be Cruel’, ‘I Want You I Need You I Love You’
And ‘Jailhouse Rock’,
Or you take Pat and his white bucks singing love letters in the sand,
Hell, man, what’s real here?
I mean, Pat at the beach in his white bucks,
His ears getting sunburned,
Told us something about old wave delusion.

 

Bürgerkrieg, zwei verfeindete Lager, zwei Anführer. Der eine ermutigt, der andere beschwichtigt. Die Risiken der Freiheit oder die Gewißheiten verbürgter Sicherheit. Das Todessystem kauft beide, erst diesen, später jenen. Doch die Wünsche liegen frei wie Gefäße, aus denen es blutet. Erst werden wir beschwichtigt, dann beschwichtigen auch wir. Und das richtige Leben? Kann man nicht kaufen, kann man nicht konsumieren, kommt nicht aus den Geräten – es sei denn, man liegt auf der Intensiv. Schöne Zeit, harte Zeit, vierzig Jahre nach seinem Tod.

(Ich wollte noch erzählen, wie Elvis auf mich wirkte, als ich ihn das erste Mal sah. Ich war zwölf, er war tot. Sie zeigten ihn im Fernsehen, auf allen drei Programmen: den jungen, den richtigen Elvis. Ich verstand zum ersten Mal meine Eltern nicht mehr. Vom Taschengeld kaufte ich mir für 5 Mark eine Bildbiographie am Kiosk. Klingt so fern wie hundert Jahre, ich kann es nicht ändern.)


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