Cohen für Erfolgreiche

Leonard Cohen wird 1972 während seiner Europatournee gefragt, was Erfolg sei. Er antwortet nach kurzem Zögern: „Erfolg ist, zu überleben.“ Daß wir es tun, ist das ganz und gar Erstaunliche, wie wir es tun, das Bedenkliche. Leben ist nichts für Pussies, steht an der Hauswand neben dem Eingang zur Paradieshölle. Das sind Ansichtssachen. Einige bekommen nicht ganz so viel mit, da mag es sich leichter leben (aber auch von dem Schönen nicht ganz so viel, insofern auch flacher). Ich vermute, wir haben keine echte Wahl. Ich schraube seit Jahren ein bißchen an meinen Einstellungen herum und arbeite (nicht anders als andere) fleißig an den Zurechtlegungen. Früher hieß das Weltanschauung. So weit möchte ich es nicht bringen. Lebensauffassung sagten andere – ebenfalls zu wuchtig. Wer klar sehen will, wird als erstes die Schleier entfernen müssen, die so überaus gnädig um vieles gehängt sind. Überhaupt die Fassaden … Deutschland von hinten, das sieht anders aus als von vorn. Ich sage Deutschland, weil ich hier lebe und geboren bin. Sonst würde ich Kanada sagen oder Usbekistan (wegen der steinernen Stadt). Keine Ahnung, was die Leute so treiben, wenn sie sich nicht gerade erzählen, wie erfolgreich und gut sie sind. Andere tun das Gegenteil: sie versuchen einen zu überzeugen, daß sie ganz und gar unwürdig seien, kaum der Rede wert usw. Das ist auch nicht schön. Ich bin in Plauderstimmung, das liegt an dem knappen Satz von Leonard Cohen. Er hat mich mit seinen Liedern stets froh gestimmt. Nur einmal fand ich ihn schlimm, und zwar während seiner großen Ich-habe-kein-Geld-mehr-Tournee in der großen Sauerstofftelefon-Arena an der Warschauer Brücke. Da mimte er den altersmilden und jovialen Entertainer, der sich mit den Zumutungen des Lebens versöhnt oder abgefunden hat. Ich fand das unerträglich. Das Publikum schunkelte und klatschte.

Give me back my broken night
my mirrored room, my secret life
it’s lonely here
there’s no one left to torture
Give me absolute control
over every living soul
And lie beside me, baby
that’s an order!
Give me crack and anal sex
Take the only tree that’s left
and stuff it up the hole
in your culture
Give me back the Berlin wall
give me Stalin and St Paul
I’ve seen the future, brother:
it is murder.

(Leonard Cohen, The Future)


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