„Die Literatur ist derjenige Ort, an dem man alles sagen kann und sagen muß, was nicht gesagt werden kann“, sagt Hélène Cixous. Sie spricht an der Hebrew University of Jerusalem über kulturelle Tabus und über Verbote, die Wahrheit zu sagen: „The Shout of Literature“. Demnach ist das, „was nicht gesagt werden kann“, auch dasjenige, was nicht gesagt werden darf. Literatur operiert an den Grenzen des Schicklichen und zugleich an den Grenzen des Möglichen, also der Sprache. Vielleicht sollte man, etwas spezifischer, von Poesie sprechen. Da es Aufgabe der Poesie ist, (nahezu) unbedingt die Wahrheit zu sagen, fallen in ihr die Vergehen besonders stark ins Gewicht. Verlogenheit in der Poesie ist unerträglich, und man spürt sie nach wenigen Zeilen oder Versen. Mit bloßer Manier oder ausgestelltem Gefühl kommt man in ihr nicht weiter. Cixous nennt sie, die Poesie, auch „the limit without limit“. Jenseits dieser Grenze liegt der Schrei. Wo aber liegt das Schweigen? Ist er Teil des Schicklichen oder bereits Ausdruck der Verzweiflung? Das sollte man für sich klären. Da es „die Wahrheit“ aber nicht gibt, spricht Cixous vom „Sprung in den Abgrund der Wahrheit“. Man schlägt dort auf. – Wo schlägt man auf? Auf dem harten Boden der Tatsachen, nehme ich an. Die Tatsachen aber verkehren mit der Wahrheit nur auf Abstand. Bestenfalls können sie Teil von ihr sein. Wahrheit ist nämlich ein religiöser Begriff, aufgeladen mit Hoffnung und Glauben und Furcht. Wahrheit ist wie Gott. Wahrheit ist jederzeit gefährlich. Daher die Tabus.
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