Nun, da es ruhiger wird und abends die Straßen sich leeren, da die Besorgungen besorgt und die Erledigungen erledigt sind, entsteht das erste Mal in diesem Jahr auch in mir so etwas wie Stille. Vieles erscheint mir wie neu oder als hätte ich es lange nicht getan oder vergessen, daß es das gibt. Ich begrüße jeden Gegenstand in meiner Wohnung und verneige mich vor den Briefen und Postkarten und Geschenken, also den Freunden und der Familie. Möge es nicht nur morgen schön sein, sondern viele Tage lang. Mögen die Gereizten sich nicht länger gereizt fühlen, mögen die Enttäuschten sich nicht mehr täuschen, mögen die Aufgeregten sich abregen. Morgen ist der Tag, an dem die halbe Welt sich der Geburt des berühmten Wanderpoeten erinnert, der ein paar Ideen hatte, wie sich Menschen verhalten könnten. Daß daraus so vieles folgte, konnte er nicht wissen. Wir wissen, was folgte. Ob die Welt durch ihn ein besserer Ort wurde, wissen wir nicht. Manche möchten es annehmen, andere werden es bestreiten. Ist das wichtig? Er hat das Seine gesagt, andere haben daraus ihre Schlußfolgerungen gezogen. So ist es stets. Man kann nichts daran ändern. Ich vermute, daß es besser ist, keine Jünger zu haben. Sie mißverstehen und verdrehen alles, und wenn sie nicht alles verdrehen und mißverstehen, so doch vieles. Das ist das Angerichtete. Wir sollen damit zurechtkommen und geben unser Bestes. Andere Propheten haben ebenfalls ihre Anhängerschaft. Lauter Aufgebote stehen sich gegenüber, lauter Antworten. Aber wie lautete die Frage?
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.