Die Hölle

„Nein, sie hören nicht zu. Sie sind wirklich glücklich mit all ihren Sachen und sich selbst“ … Diese Unterstellung geht mir nicht aus dem Kopf. Ich habe jedoch einen Vers des Songs (Is the Spell Really Broken) unterschlagen. Es muß heißen: „No, they won’t listen / They don’t know they’re in hell / They’re really quiet happy with things / And themselves“. Hölle wäre demnach die unbemerkte Leere, jenes tückische Fehlen von Lebenssinn, das dazu führt, daß jegliches Tun ungetan bleiben könnte und jegliches Sagen lediglich ein Meinen, also ein halbwegs bedeutungsloses Rumoren ist. Leben wir demnach in der Hölle? Ist sie pure Gegenwart und Wirklichkeit, während wir oder manche von uns noch wähnen, sie erfolgte etwas später, wenn sie uns an besserem Ort nicht haben wollen? Der berühmte, aber abgedroschene Sartre-Satz hilft hier nicht weiter. Denn die Hölle wäre jene entsetzliche Leere in uns selbst, nichts anderes. Aber was soll geschehen, wenn Leere auf Leere trifft? Das läßt sich besichtigen und belauschen, jeden Tag. Sitzen zwei nebeneinander, gehören zusammen, sind ein Paar, schauen nebeneinander sitzend auf ihre Smartphones, als sei auf den winzig kleinen Bildschirmen mehr zu erkennen oder zu erahnen als inmitten des Raumes, der sie umgibt mit Farben und Gerüchen. Sie sind zu zweit einsam, und das ist das Schrecklichste, was ich mir vorstellen kann, schrecklicher noch als der schrecklichste Schrecken, denn er verzehrt die Substanz, und zwar restlos. Wir sind zusammen, nichts besseres ist in Sicht, also hängen wir nebeneinander herum wie Wäschestücke auf der Leine im Wind. So trocknet man aus, so wird man verrückt. Manchmal lese ich in Max Jacobs Höllenvisionen. Wie kommt es nur, frage ich mich, daß mir seine Berichte dessen, was er gesehen hat, so harmlos erscheinen, verglichen mit dem, was uns blüht? Er kannte damals noch nicht in vollem Umfang die innere Auszehrung, die uns ergriffen hat. Damals drohte nackte Barbarei, heute werden wir uns selbst zum Feind. Wenn man mich läßt oder ich mich lasse, fresse ich mich selbst auf. Weil ich Hunger habe und nichts bekomme. Und die Sachen? Stehen hier herum im Überfluß und sagen nichts, absolut nichts. Zu viel. Es wäre gut, wenn die Leute nicht wüßten, daß sie in der Hölle leben. Ich vermute aber, daß sie es ahnen. In der Hölle sind Wärme und Kälte nicht zu unterscheiden. Das beschreibt unsere behaglich-unbehagliche Situation, und deshalb ist auch niemand glücklich, außer ein paar Kindern.


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