Nicht annehmen können

Der Vorhang ist einen Spaltbreit geöffnet. Blick auf den weiß bestäubten Hinterhof. Im großen Waschtopf vor dem Fenster ist das Wasser gefroren. In Töpfen dieser Größe wurde früher Grünkohl zubereitet. Hier dient er als Eimer, für Holzscheite oder Briketts. Ich habe ihn den gesamten Sommer über draußen stehen lassen. Auch Gegenstände werden vernachlässigt, nicht nur Freunde. Es gibt immer wieder Zeiten, in denen ein Mensch sich zurückziehen muß: um nachzudenken, ruhig zu werden, Kraft zu schöpfen. Das fällt umso schwerer, je mehr er sich gebraucht und gerufen fühlt. Was kann man daraus lernen? Niemals einen Menschen bedrängen, nicht einmal drängen. Es ist schön, wenn andere einen mögen, aber man möchte auch gemocht werden können. Wenn nichts mehr in einem ist, ist es besser, die anderen nicht mit abgestandenen Resten letzter Aufmerksamkeit abzuspeisen. Auch sollte man sich selbst nicht zu sehr belügen: erledigt ist erledigt. Es gibt jedoch einen gewichtigen Einwand: Wirkliche Freunde heißen einen in jedem Zustand willkommen. Doch dann wird man zum Pflegefall. Warum nicht? Ich vermute, daß an dieser Stelle der Stolz sein Zepter hebt. Er ist es auch, der einsam macht. Und doch wird er benötigt. Er führt ein seltsames Regiment. Ich frage mich seit Jahren, welche Kopfbedeckung ich dem Stolz verpassen würde. Die Krone gebührt ihm nicht, eher schon der Hahnenkamm. Schmerz macht stolz.


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