Was ist mit diesem Januar, daß er so eilt? Er ist sonnig und licht wie ein mittlerer Februar und spielt leichte Tage herbei. Ich erkenne ihn nicht wieder, diesen mürrischen alten Herrn. Eine Verwandlung muß stattgefunden haben. Er war der Lichtlose, der Kalte, einer ohne Aussicht und Versprechen. Manche haben ihn gefürchtet, andere gehaßt. Ich selbst fand es abwechselnd empörend oder lächerlich, mit ihm ein Jahr zu beginnen. Ausgerechnet mit ihm, mit dem nichts zu beginnen, nur vieles zu beenden ist. Personifikation. Januar ist eine Zeiteinheit im Kalender, Januar besitzt keinen Charakter, Januar handelt nicht. Janus mit den zwei Köpfen. Ich habe einen Fehler gemacht, ich sah ihn stets als den Einen, erkannte nicht den Anderen. Sie werden einander benötigen, die Gesichter des Januar. Sein freundliches zweites Gesicht stimmt mich milde, ich werde fortan auch sein erstes Gesicht grüßen. Er ist nicht zu vermeiden, demnach müssen wir uns richten. Ich habe ihn dafür bewundert, daß er nicht gefällig ist und nicht gefallen muß. Ich bin ein Kind des Dezember – wir teilen die Lage. Aus der tiefsten Dunkelheit ins Licht. Dazu braucht man Vertrauen und Durchhaltevermögen. Die Januargeborenen preisen ihre Zähigkeit und verlassen sich auf sie. Die Dezembristen haben das Licht gesehen und staunen nachwärts, daß sie für dieses Licht ins Finstere gehen müssen. Sie tun es widerwillig, fast mit Abscheu. Das hat nichts mit Astrologie zu tun, das ist erlebte Jahreszeit und lebhaftes Monatsempfinden. Ich weiß nicht, was die anderen Leute treiben, aber ich denke die Hälfte meines Lebens darüber nach, was wann geschieht und was sich in dieses Geschehen voller Bilder und Gerüche einspielt: nämlich Witterung, Sonnenstand, Wolkenaktivität, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck usf. Die Daten tragen die Farben und das Licht und die Dunkelheit, sie bringen die Geräusche und Gerüche, beeinflussen Atmungen und Entscheidungen, bewirken Störungen und Stockungen, verändern Beziehungen, ermöglichen oder verhindern Lösungen, offenbaren Schönheiten. Kaum etwas spielt derart tief uns hinein wie jenes, was uns luftig umgibt und überwölbt die gesamte Zeit. Wir sind darin enthalten und drücken uns dadurch aus. Das ist sehr leicht zu verstehen.
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… spontane ergänzung zum diesjährigen januar-monatsempfinden
mit herzlichen grüßen von antje
I januar
inventur überall. das becken ist leer. wird schräg geflutet von licht
in der landschaft zwischen windrädern und einem schneemann
aus vier kugeln und mit irokesenstacheln aus asternzweigen vom vorjahr.
das kind liegt in windeln. der glitzernde plunder kommt in die kisten.
ein zotteliger mann streift mit roten füßen über nasse flocken
auf einem streifen kohlenstaub.
zwischen depression und tatendrang will sie
sich an das elfte gebot halten
die karte mit den wüstenpflanzen studieren und arabisch lernen
gurkenstücke schneiden, kardamomkapseln öffnen und gin nachgießen, will
nicht ertrinken