Peter Handke im Gespräch mit Katja Gasser

Das ganze Interview. Dauer: 33 Minuten. Ort: Österreichische Botschaft, Paris. Sendetermin: 3. März 2016. Im Kommentarstreifen unter dem Film nennt jemand die Fragestellerin eine „strunzdumme ORF-Provinztussi“, ein anderer Kommentator empfiehlt ihr, in die Sportredaktion zu wechseln. Was läuft schief, mit wem habe ich mehr Mitgefühl?

Bis zur achten Minute geht es halbwegs gut. Dann fragt die Interviewerin aus dem Nichts heraus: „Glauben Sie an Gott?“ Reaktion: “ Jes… Hilfe! Erbarme dich unser, dich meiner. Kyrie eleison.“ Beide lächeln, er gequält, sie beinahe so, als habe sie einen guten Witz gemacht. Sie fragt: „Haben Religion und Schreiben etwas gemeinsam?“ Antwort: „Ja, das schon, ich weiß nur nicht was.“ Um sie nicht auflaufen zu lassen, fährt Handke fort: „Die Religion ist eindeutig, die Literatur umkreist nur das Geheimnis. Aber ohne Geheimnis geht es nicht. Nur, wie Goethe sagt, man darf vom Geheimnisvollen nicht geheimnisvoll reden.“

Immerhin ist er nun aufgemuntert: „Es gibt so vieles, was Literatur heißt, es gibt so viele, die sich Schriftsteller nennen, daß man gar nicht mehr … daß wir diese herrliche und auch zarte und kindliche Würde, die von einem Schreiber oder Autor einmal ausgegangen ist, nicht mehr darstellen können, wir vereinzelten Immer-noch-Autoren. Aber trotzdem bestehe ich darauf, daß wir die haben.“ Der Begriff Literatur sei vernebelt. „Doch es gibt sie, die Literatur.“

Dann fragt sie: „Ist es wirklich die Religion, die unser drängendstes gesellschaftspolitisches Problem ist?“ Handke macht sie darauf aufmerksam, daß ihr Fragenturm demnächst einstürze, wenn sie so weitermache. Sie kontert: „Sie arbeiten daran.“ Handke erwidert, alle seine Bemühungen seien von Erfolglosigkeit gekrönt – demnach auch dieser. Eines seiner Anliegen sei zum Beispiel gewesen, die Männer davon abzubringen, ihre Brillen bis über den Haaransatz hinaus auf die Stirn zu schieben. Der Humor muß einspringen, wo nackter Zorn sich regt. Zorn worauf?

Auf naßforsches Fragenbohren, scheint es. Sie stürmt in die Welt und auf ihre Bedeutungen zu, denn sie ist jung und will es wissen. Sie will sich durchfragen. Er ist alt und weiß, daß es so nicht geht. Was man haben möchte oder zu wissen begehrt, zieht sich vor dem Ungestümen zurück. Es ist wie mit scheuen Tieren: wer etwas von ihnen will, verhält sich ruhig und wartet. Sie ist Interviewerin, sie kann nicht warten. Die Kamera läuft, vielleicht gibt es ein Saalpublikum. Könnte der Autor nicht freundlicher sein? Er versucht es zu sein. Er ist das Wild, das aufgescheucht wird, obwohl er sich auf sie und dieses Treffen eingelassen hat.

Sie fragt, als werfe man ein Geldstück in einen Automaten und drücke die Taste. Der Automat wirft dann das Produkt aus. Aber Handke fürchtet und haßt das Fertige und Falsche an solchen Paratsätzen, wie sie solcher Art des Fragens entsprächen. Er muß sich verweigern. Zum Ende des Gesprächs, da auch er einsieht, daß sie Gefangene einer Situation sind, für die sie beide nichts können, außer daß sie ehrgeizige Journalistin und er berühmter Autor ist, der ein neues Buch auf den Markt hat bringen lassen, entsteht etwas wie menschliches Verstehen, der Hauch einer Schwingung. Sein Blick zum Ende, als wolle er schluchzen oder auch nur fragen: Was hast du dir denn vorgestellt? Jetzt ist es geschafft.

Die Kunst des Fragens

 


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