Gestern fast schon Leichtigkeit. Lächelnd durch fremde Straßen, an Geschäften vorbei und Menschen in ihrer Geschäftigkeit, innerlich lächelnd, um nicht blöde zu erscheinen. Mir gegenüber unterhielten sich Mann und Frau über kommende Urlaubsfahrten. Sie sagte, sie werde vielleicht wandern gehen im Himalaya-Gebirge, Nepal. Gewöhnlich gehe sie gern spazieren, aber nun habe eine Freundin sie eingeladen, wandern zu gehen. Die Armut in Nepal schrecke sie ab, sonst hätte sie schon gebucht. Vorgestern fast schon Heiterkeit, als ich hörte, daß man in Singapur Speichelproben nimmt, um zu ermitteln, wer ein Kaugummi auf die Straße gespuckt hat. Die Einfuhr von Kaugummi sei erlaubt, der Kauf von Kaugummi allerdings rezeptpflichtig. Straßen dürften nur auf Zebrastreifen überquert werden, anderenfalls drohe eine Strafe. Erziehungsdikatatorische Albernheiten, hergeleitet aus erfundenen Vergangenheiten vorgeblichen Freiheitsmißbrauchs. Den Freiheiten will man an den Kragen, als seien sie noch immer die Piraten unter der schwarzen Fahne der Todesverachtung und der Schlag ins Gesicht der Männchenmacher. Die Müllsammlerin kam mir entgegen, schwer vertieft in ihre inneren Gesänge und die Stimmen derer, die niemand sonst hört. Im Sommer säubert sie die Parks oder bespricht sich mit den Bäumen, winters hält sie sich anders in Bewegung. Sie tut Buße für ein altes Verbrechen, an das sie sich nicht erinnern kann. Sie ist sanft, nur nicht gegen sich selbst. Ihre Wanderung durch Zehlendorf dauert an. Einst war sie sonstwer, jetzt streunt sie umher, ruhelos wie das Leben selbst.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.