Ein Mann sitzt mit seltsam verkreuzten Beinen auf der Spuckebank im U-Bahnschacht, zwischen den rissigen Lippen der Rest einer Selbstgedrehten, der Kopf ist vornüber, doch noch nicht so weit, daß das Kinn die Brust berührt. Gerötete Augen, die Lider geschlossen oder zu Schlitzen verengt, schweres Atmen. Die Stoffturnschuhe sind schmutzig, die Röhrenjeans ist zerschlissen, die auberginefarbene Windjacke geöffnet. Auf dem T-Shirt steht DU MICH AUCH. Der Mann ist nicht mehr jung, fast schon alt, seine struppigen Haare sind blondiert. Als die eidottergelbe Untergrundbahn einfährt, quietschend und scheppernd, blickt er kurz auf, tastet nach seinem Feuerzeug und zündet den Stummel an, der in seinem Mund steckt. Yorckstraße steht auf dem Schild an der Wand.
Ein Mann steht neben der Fahrstuhltür, die sich von Zeit zu Zeit öffnet und schließt. Ein Putzmann leert die Abfalleimer und sammelt den Müll ein, den Passanten fallengelassen haben. Sei es aus Unachtsamkeit oder Gedankenlosigkeit, jedenfalls liegt da eine Menge herum: Kippenreste, Kaugummipapier, Plastikfolie, entwertete Fahrscheine, Kerne und Schalen von Früchten, Trinkbecher. Der Mann neben der Fahrstuhltür steht dicht an der gelb gefliesten Wand, er ist niemandem im Weg. Sein Kopf liegt auf der Brust, er wankt unmerklich hin und her, wie ein Boot im Hafenbecken. Seine Arme hängen am Körper herunter wie Taue, er schläft im Stehen. Seine Beine sind lang und dürr, er trägt Bluejeans, die an den Knien fleckig sind. Als die zitronengelbe Bahn einfährt, hebt er den Kopf und stiert. Hermannplatz heißt die Station, auf der das Leben ihn abgestellt hat.
Zwischen den Stationen steigt der Gekrümmte an Krücken ein und findet einen Klappsitz. Sein Geruch verbreitet sich während der Fahrt im ganzen Waggon und sorgt dafür, daß viele aussteigen oder das Abteil wechseln. Einige bleiben stoisch und halten aus, was ihn alle Tage und Nächte begleitet: diese Verschimmeln und Verfaulen an lebendigem Leib. Aber das Leben ist zäh und erhält sich. Man müßte helfen, aber jeder fürchtet oder ekelt sich, so sehr ist dieses menschliche Leben aus der Reihe getreten, gefallen oder gestoßen worden. Es ist Freitagabend: die einen kommen von der Arbeit und streben nach Haus, dorthin, wo sie es warm und sicher haben; die anderen fahren auf ein Erlebnis hinaus. Es wiederholt sich das ewig Gleiche mit wechselndem Personal.
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