Die Wirklichkeit wird nicht abgeschafft, ebenso wenig wie das wirkliche Leben. Nur daß bald vielleicht niemand mehr weiß, wo sie zu finden ist. Entweder verbirgt sie sich oder wir arbeiten kollektiv-verantwortlich an einer Entwirklichung größeren Ausmaßes.
Was sich ändert, sind die Wahrnehmungen und Empfindungen dessen, was als wirklich gilt. Darum geht auch der Streit. Welchen Status beispielsweise dürfen jene Nachrichten beanspruchen, die über die Einflugschneisen der sogenannten Social Media auf uns kommen und über die wir so ausgedehnt und aufgeregt sprechen?
Die Nachrichten suggerieren Nähe und Dringlichkeit, die Empfänger werden in Alarmbereitschaft versetzt, doch ihre Handlungsoptionen sind disproportional gering. Ich werde permanent getriggert, weiß aber nicht, wem meine Reaktion gelten kann. Andere reagieren mit Haßkommentaren und entladen sich auf diese Weise.
Es sollte mittlerweile möglich sein, nicht nur durch die Straßen der eigenen Stadt, sondern durch die Tage und Jahre des eigenen Lebens zu streifen wie ein Tourist. Der Tourist empfängt Wirklichkeit aus zweiter Hand; sie wird ihm dargeboten als ein Produkt, das er gegen Bezahlung konsumiert.
Dem Touristen wird ein Illusionsraum eröffnet, der folgenlose Nähe und Authentizität suggeriert, einen Konsum von Differenz (Hakim Bey), der aber gar nicht existierte, gäbe es den Touristen nicht. In diesem Sinne waren die Urlauber nicht in Kenia, sondern lediglich in einem Abstellraum namens Kenia 2.
Immerhin kann man von Kenia 2 nach Kenia wechseln, nur muß man dann aufhören, Tourist zu sein. Analog dazu können wir vielleicht in unser eigenes Leben eintreten, wenn wir die illusorische Nähe und Intimität verlassen und uns jenem widmen, von dem wir aus erster Hand wissen. Das wäre nicht nur Berührung, es wäre Entdeckung.
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