Selbst werben

Eben stoße ich auf „Normcore“, eine Kreuzung aus normal und hardcore. Menschen, die Normcore-Mode tragen, möchten „nicht aus der Masse herausstechen, sondern in ihr verschwinden“. Sie kauften bewußt unauffällige Kleidungsstücke, die „allerdings über gut sichtbare Label Prestige vermitteln sollen“ (Wikipedia). Dazu zählt auch der Kapuzenpulli, den sie Hoodie nennen, die Jeans, das T-Shirt. Demnach bin ich halbwegs ein Normcore-Träger. Mir fehlen nur die gut sichtbaren Label, an meinem Prestige muß ich noch arbeiten. Ich sähe aus wie ein Sozialarbeiter in einem großstädtischen Problemviertel, sagte mir ein naher Verwandter. Nein, das stimmt nicht, widersprach ich, dazu rasiere ich mich zu oft, mir fehlt auch der Ohrring, mir fehlt ein Tattoo. Trotzdem, sagte er. Es gibt einen Vorteil, wenn man sich unauffällig kleidet. Die Aufmerksamkeit, die ich erfahre, gilt tatsächlich mir. Meiner Kleidung kann sie nicht gelten. Ich habe nie verstanden, was sich Leute denken, die vorfahren und aus einem Porsche aussteigen, unter den Augen der Gäste eines Straßencafés. Vermutlich bewundern manche, was ich bemitleide, und umgekehrt. Die Label sollten die Kunden, die sie für sich Werbung machen lassen, wenigstens anständig bezahlen. Ich könnte mir vorstellen, einen Nike-Haken auf der Brust meines Kapuzenpullis zu tragen, sehr klein, gegen eine Einmalzahlung von etwa 749,98 Euro. Aus meiner Rechnung wäre ersichtlich, wie sich die Summe zusammensetzt: Tragetage und -zeiten mal Kontakte. Wenn das Schule machte, wären die Label komplett entmachtet. Das nennt man Revolution.


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