Brav sein, wenn einem nichts einfällt

Liv Ullmans Strindberg-Verfilmung von Fräulein Julie. Warum sie die Handlung nach Irland verlegt, eröffnet sich nicht – damit die Schauspieler in ihrer Muttersprache sprechen können? Jessica Chastain und Colin Farrell geben sich alle Mühe, das Umeinanderkreisen der beiden ungleichen Liebenden abgründig wirken zu lassen. Doch es wirkt, als bekämen sie es bezahlt, der Rausch bleibt aus. Die demonstrierten Gefühle gehen hin und her, wallen auf und ebben ab, harmlos und theaterhaft. Am Ende muß das Fräulein Julie sich umbringen. Offenbar ist sie die Sünderin, ihrer Fallhöhe entsprechend. Bei Strindberg ist stets vom „Stellungskrieg der Geschlechter“ die Rede – hier ist es der des gesellschaftlichen Rangs. John ist Diener, Julie die Tochter des Herrn. Sie begehren einander, der Herr ist außer Haus. In der Küche tanzen die Mäuse, möchte man ergänzen. Nun, es ist Mittsommer, in Irland fällt dessen Beginn in den Wonnemonat Mai, der Flieder spielt eine gewisse Rolle. Fräulein Julie tanzt mit den Bediensteten und fühlt sich so frei, dem Diener ihres Vaters den Kopf zu verdrehen. Es geschieht, „was geschehen muß“, und am nächsten Morgen findet sie nicht mehr zurück in ihre Ausgangsstellung, auf ihren angestammten Platz im Schützengraben weiter oben. Dem Diener fällt das nicht schwer: kaum klingelt der Herr, eilt er zu Diensten. Was läßt sich aus diesem Stoff heute noch gewinnen, was könnte uns interessieren? Das Katz-und-Maus-Spiel der Verführung, die Macht der Triebe, die geheime Lust, sich ein für allemal unmöglich zu machen? Da sie es selbst nicht weiß, hat sich Liv Ullman brav ans Stück gehalten. Ein Satz von Kathleen, der Verlobten des Dieners, hat mich beschäftigt. Er lautet sinngemäß: Die Herrschaften müssen sich feiner benehmen als unsereiner, damit auch wir hoffen können, bessere Menschen zu werden.


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