Gleich bin ich an der Reihe. Wir stehen in Schlange vor dem Verkaufstresen der Bäckerei. Es dauert, denn vor uns bestellen alte Leute. Sie können kaum noch stehen, man muß ihnen die Ware in eigens mitgebrachte Jutebeutel stecken, das Geld aus dem Portemonnaie zählen, alles laut und zweimal sagen, da sie es sonst nicht verstehen. So ist das Alter, daran läßt sich nichts ändern: die einen bauen ab, die anderen halten sich wacker. Die, die sich wacker halten, stehen vor der Bäckerei um zwei Stehtische, trinken Cappuccino und besprechen die Weltlage: ob der Schulz dem Trump usw. Vor mir ist nur noch die Dame an der Reihe, die eben den gebeugten alten Herrn dahingehend beraten hat, sich doch zusätzlich eine Plastiktragetasche aushändigen zu lassen, da die Schrippen in die Jutebeutel nicht mehr hineinpassen. Die Jutebeutel sind voll mit Kuchen, der nun hochkant nach Hause getragen wird. Unsere Taschen sind eigentlich besser, hat die Verkäuferin gesagt, da liegt der Kuchen richtig; das rutscht jetzt alles zusammen. Ob der Herr das gehört hat, läßt sich nicht klären. Jetzt bin ich an der Reihe, denn die freundliche und hilfsbereite Dame hat bestellt, bekommen und bezahlt. Da schießt von hinten eine neue Mitspielerin heran, steht mit einem Mal vor mir und bestellt ihre Hörnchen. Sie sieht aus wie frisch vom Friseur, trägt einen hellen Seniorenmantel und hat sich zum Ausgehen fein gemacht. Vielleicht ist sie Mitte siebzig, vielleicht Anfang achtzig, jedenfalls resolut. Ich mache sie darauf aufmerksam, daß ich an der Reihe bin, und bestelle meine fünf Schrippen. Sie sind doch eben erst hereingekommen, lügt sie. Das haben sie aber geschickt angestellt, lobe ich sie. Der Herr stand schon die ganze Zeit hier, unterstützt mich eine Frauenstimme von weiter hinten. Ja, ich stehe hier seit etwa zehn Minuten, übertreibe ich (in Wahrheit sind es nur acht). Die Dränglerin sagt nun nichts mehr und wirkt pikiert. Die Verkäuferin zuckt hilflos mit den Schultern und atmet hörbar aus. Ich bekomme meine Schrippen. Die drängelnde Dame ist es offenbar nicht gewohnt, derart mißachtet zu werden, sie schnaubt. Ihr Wunsch mag anderen woanders ein Befehl sein. Ich finde, sie ist in diesem Augenblick nichts weiter als ein raffiniertes altes Luder. Deshalb muß ich ganz deutsch auf meinem Recht beharren, denn in wenigen Minuten beginnt meine Arbeit. Sie dagegen hat Zeit, bekommt Rente und darf gleich schön spazieren gehen, die Sonne scheint. Augenblicklich verstehe ich, daß diese Generation, die lernen mußte, sich im Nachkriegsdeutschland durchzuschlagen, sehr geschickt darin ist, sich Vorteile zu verschaffen, zur Not zu ergaunern. Wie frivol sie doch lügen kann, diese Zehlendorferin. Fröhlich trete ich ins Freie und laufe quer über die Fahrbahn, da gerade kein Auto in Sicht ist, das mich hupend überfahren kann, da ich das nicht darf.
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