Für die toten Lebenden

Auf dem Friedhof gab es eine eingemauerte Stelle für Grababfälle. Es roch dort auf eine eigene und unterschiedene Art. Der Geruch war bereits deutlich, wenn ich eine der grünen Steckvasen leerte, in denen Nelken verwelkt waren oder früher des Jahres Tulpen. Das stehende Wasser hatte die Schnittblumen zersetzt oder die Blumen hatten das Wasser verseucht, es roch. Diesen Geruch fand ich wieder auf dem großen Haufen von ehemaligem Grün, der sich am Rande der Gräberstatt türmte. Dort lagen auch die verdorrten Kränze und bedruckten Schleifen von Beerdigungen, die vor etlichen Tagen oder einigen Wochen stattgefunden hatten. Für immer dein, las ich dort, Unvergessen oder Die Liebe endet nimmer. Verrottende Schwüre auf einem riechenden Haufen abseits des Gräberfeldes. Wir hatten dort, auf diesem Dorffriedhof inmitten der Felder, etliche Leute liegen. Regelmäßig sahen wir nach den Gräbern, alle paar Tage. Wir brachten den Toten frische Blumen und säuberten ihr Grab. Über ihren unterirdischen Leibern richteten wir kleine Gärten ein, bepflanzten sie und sorgten für Schutz, wenn der Winter einzog. Auf diese Weise waren wir mit den Toten und gedachten ihrer. Es wurde nicht verlangt, daß man betulich war oder weinte. Man reinigte ihren Garten, brachte frisches Grün, schnitt den Efeu. Das waren die Opfergaben.


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