Dem 1. Mai hingeworfen zum Fraß

Der 1. Mai wird immer älter und wirft Fragen auf. Ob die entscheidenden Dinge auf der Straße entschieden werden oder in den Büros. Derzeit wohl im Sitzen. Romantische Idee, dem Zorn dabei zuzusehen, wie er sich und wo er sich entlädt. Brannte dort nicht bereits eine Mülltonne? Im Widerschein der unruhigen Flammen das Warten auf eine fällige Revolution: gegen den Ausverkauf der mobilen und immobilen Substanz.

Wem gehört die Stadt, wem gehört der Staat, wem gehört mein Leben? Das größte Geschäft in der Geschichte der Menschheit hob vor ein paar Jahren an. Die Historiker fragen nach, wann genau das begann. Sie blicken zurück und können nicht wissen, wann es endet. Sie sprechen von Prozeß und „Globalisierung“. Als sei es die Erde selbst, die sich als größter Marktplatz des Universums positioniert. (Kauft Sterne und nennt sie Kolonien.)

Seitdem sind alle auf Trab. Denn im internationalen Vergleich liegt Deutschland in Europa nicht weit genug … Die Bürger klettern bereitwillig ins Hamsterrad und nennen ihr Keuchen und Schwitzen Fitneß. Sie arbeiten unverdrossen an ihrem BMI. Zeit ist sicherlich Geld, aber Attraktivität ist bare Münze. Während du ausgepreßt und erwürgt wirst, kannst du wenigstens gut aussehen. Die lukrativen Teile der Polis sind an Investoren verkauft. Aus allem läßt sich etwas herausholen, vor allem aus den Wünschen. (Kauft Gefühle, nennt sie Liebe.)

Wer sich nicht halten kann, fällt. Unwertes Leben, jedenfalls hier – man tötet sie nicht, man läßt sie leben – sie können es ja woanders probieren. Da zeigt sich die Toleranz. Insofern sind die Flüchtlinge vorbildlich … Rassismus, Chauvinismus und Sexismus sind out. Damit geben sich nur noch die rechten Idioten ab. Wie gut, daß es sie gibt, da fallen die eigenen Sauereien nicht auf. (Übrigens müssen die Preise endlich wieder steigen, damit die Weltwirtschaft Tritt faßt.)

Der 1. Mai ist eine Veranstaltung für Nostalgiker der guten alten Arbeit und hier in Berlin eine Touristenattraktion. Wir versuchen, im Strudel einer wilden und wütenden Zeit zu überleben. Niemand ist gesichert, aber viele treiben schon. Es gäbe jede Menge gute Gründe, sich gegen die laufenden Geschäfte zu wenden. Und dennoch befinden wir uns nicht in einer revolutionären Situation. Früher sagte man: Die Zeit ist nicht reif. Das kann sich ändern.


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