„Der gefährlichste Mensch ist derjenige, der nur eine einzige Idee hat. Robespierre ist ein solcher Mensch. Die Einfachheit seines Weltbildes, die Ausschließlichkeit seines Wollens und die Abwesenheit störender Leidenschaften geben ihm jene unwiderstehliche Stoßkraft, die ihn zum ersten Manne der Französischen Revolution macht. Er tötet seine Mitmenschen um dieser Lehre willen, aber er stirbt auch selbst für sie. Er versucht diese Philosophie in Politik zu übersetzen und macht sie dadurch tödlich. Seine Erscheinung ist darum so einzigartig, weil nie jemand vor und nach ihm so konsequent versucht hat, eine Utopie religiösen Ursprungs vollständig in praktische Politik zu verwandeln. […] Er will eine vollkommene Gesellschaft gründen, deren Souverän das Volk (le peuple) ist. Er will ein Reich Gottes auf Erden schaffen, dessen Gott dieses Volk ist. Dieses Unternehmen wird von ihm ohne Berücksichtigung des Unterschiedes zwischen dem wahren Charakter Gottes und dem nur gedachten Charakter des Volkes durchgeführt. Die Wirklichkeit wird ihm somit zu einer verbrecherischen Einrichtung, da sie seiner Unternehmung widersteht. Ohne sich darüber klarzuwerden, nimmt er den Kampf gegen alles Lebendige, ja gegen das Leben selbst auf. Seine Erfindung ist die Überführung der religiösen Intoleranz auf das politische Leben, ist die Gesinnungspolitik, die nicht mehr den Bruch der Gesetze, sondern die abweichende Gesinnung bestraft.“
Friedrich Sieburg: Robespierre [1958/EA1935], Kapitel „Der Himmel schließt sich“
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