Verzweiflung als Sünde (Kierkegaard)

Vor einigen Jahren empfahl mir jemand Die Krankheit zum Tode von Søren Kierkegaard. Thema der christlich-psychologischen Erbauungs- und Erweckungsschrift, 1849 unter einem Pseudonym erschienen, ist die Verzweiflung. „Verzweiflung ist eine Krankheit im Geist, im Selbst, und kann so ein Dreifaches sein: verzweifelt nicht sich bewußt sein, ein Selbst zu haben (uneigentliche Verzweiflung); verzweifelt nicht man selbst sein wollen; verzweifelt man selbst sein wollen.“ Weshalb erwähne ich dies? Die letzten Sätze der Arbeit lauten: „Indem es sich zu sich selbst verhält und indem es selbst sein will, gründet das Selbst durchsichtig in jener Macht, die es setzte. Diese Formel ist wiederum, woran häufig erinnert ist, die Definition von Glauben.“ Da ich nun überall Glauben entdecke, nicht zuletzt bei jenen, die so lebhaft betonen, keinen zu haben, interessieren mich solche Schriften. Ich bin skeptisch und zugleich hellhörig geworden. Die Verzweiflung kenne ich ein wenig, aber ich hätte sie nicht definiert wie Kierkegaard, wenngleich ich einräume, daß sie mit einem Glauben zu tun hat oder zu tun haben muß. (Auf dem reclamgelben Umschlag meiner Ausgabe ist die Lithographie Das kranke Mädchen von Edvard Munch abgedruckt.) Allerdings verlange ich nicht nach Heilsgewißheit. Dazu der Autor in seinem Eingang: „(…) er hat keine Ahnung, was das Entsetzliche in Wahrheit ist, doch das befreit ihn nicht vom Erschauern, nein, er erschauert vor dem, was nicht das Entsetzliche ist. Das ist wie mit dem Gottverhältnis des Heiden: Nicht genug damit, daß er den wahren Gott nicht kennt, er betet als Gott einen Götzen an. – Nur der Christ weiß, was unter der Krankheit zum Tode zu verstehen ist.“


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