1.
Daß die Deutschen mit sich nicht fertig werden, macht sie dynamisch und anfällig zugleich; daß sie sich selbst nicht genug sind, läßt sie woanders suchen. Daher auch die Neigung, sich kulturell zu unterwerfen: der französischen Salonkultur, der amerikanischen Massenkultur. Sie schmeißen sich ran, reißen ungestüm an sich, imitieren Sprache und Stil. Zu mehr als Nachahmung reicht es meist nicht. Wozu das dient – die deutsche Provinz, die sich als dümmlich und zurückgeblieben sieht, will sich durch Selbstbedienung aufwerten und weltläufig präsentieren. Der Hunger nach Neuem und Fremdem (das zugleich innerlich abgelehnt wird) ist groß. Doch man ist nicht wirklich interessiert, konsumiert sie nur.
In den fünfziger Jahren war es die italienische Adriaküste (Vico Torriani), in den sechziger Jahren eine Zeitlang Irland (Heinrich Böll), in den siebziger und achtziger Jahren die Toskana (Konstantin Wecker und die „Toskana-Fraktion“), später wurde kulinarisch und musikalisch Kuba verspeist, der Buena Vista Social Club tourte um die Welt (zu einem Film von Wim Wenders). Nach der Russendisko (Wladimir Kaminer) kamen die Balkanbeats (die Filme dazu von Emir Kusturica). Seit ein paar Jahren sind es ein paar „echte Tuareg-Bands“, die in die Leere des Suchens und Vermissens gedrückt werden.
2.
Was an diesen Aneignungsgesten Gebrauch oder Mißbrauch ist, läßt sich ausmachen. Wir haben längst gelernt, in einer globalisierten Welt zu leben, die durch den schnellen und massenhaften Austausch von Informationen und Bedeutungen, von Menschen und Gütern gekennzeichnet ist. Ob in solchem Tauschrausch das Echte noch eine Chance hat, ist fraglich. Man sollte es belassen, wo es ist, denn kaum wird etwas entdeckt, gerät es zur Fälschung. Der Exotismus entreißt der befummelten Kultur ihr Herz. Wo sie zur Ware geworden ist, verliert sie Wert und Bedeutung und wird eingepreist ins Geschäft erkaufter Identität. Die Wahrheit der Ware besteht darin, daß sie käuflich ist. Das läßt umgekehrt hoffen, daß eine Kultur ausheilen kann, wenn sich niemand mehr für sie interessiert.
Wer den kulturellen Tod durch Kommerzialisierung studieren möchte, braucht nicht in die Ferne zu schweifen. Sie findet vor aller Augen dort statt, wo wir selbst körperlich und sinnlich anwesend sind, leben und handeln. Sie findet sogar in uns statt – dort nämlich, wo wir bestrebt sind, uns mit dem was wir können oder sind, marktfähig und -gängig zu machen. Die äußeren Kämpfe um Identität und Verortung bilden sich in uns ab. Welche Wünsche sind echt, welche nur erkauft? Wir sind korrupt geworden.
3.
Ansonsten wirkt vieles wie gehabt. Draußen rumort der Karneval der Kulturen, eine treffende Bezeichnung für diese Wanderausstellung von Menschenkörpern zum Zweck der Begutachtung und Bewertung. Alles bunt und friedlich, man kann nichts dagegen haben. Meine Gedanken führen mich weiter, nämlich zu der Frage, was eine Kultur abseits der Vermarktung überhaupt noch ist. Seit fünfhundert Jahren plündern wir uns durch und lassen uns plündern, bis wir ausgedient am Wegrand stehen wie Weihnachtsbäume im Januar. Wir, das sind wir alle. Die sogenannten Deutschen dienen mir ja nur als Beispiel. Wer nicht weiß, wer er ist, sucht sich Identität. Die gibt es zu kaufen. Das ist der Sinn des großen Geschäfts. Wer dir sagen kann, wer du bist, hat die Macht. Daß sich in Österreich ein paar Leute „die Identitären“ nennen, zeigt uns, was los ist. Einen ähnlichen Auftrag verfolgen die Leitkulturdebatten von Merz bis de Maizière. Es weht der Wind, es flattern die Kleider. Das ist los. Heute ist es kühl zu Pfingsten.
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