Eine neue Bar mit neuen Menschen und neuen Gesprächen bei neuem Bier. Ich sei unersättlich, was das Kennenlernen neuer Menschen betreffe, sagte vor vielen Jahren ein Freund; er bestaunte das, vielleicht wollte er mich auch zurechtweisen, ich bin mir nicht sicher. Ja, so war das damals, und ich frage mich heute, warum es so war. Zum einen bin ich Menschenforscher, soviel ist klar, und überdies noch Menschenfreund, falls dieses Wort etwas Sinnvolles meint. Deshalb bin ich betrübt, wenn ich Leute am Boden sehe, ganz hoffnungslos oder zusammengedrückt auf den letzten Kubikmeter ihrer wunden Existenz. Es ist schwer auszuhalten, Menschen leiden zu sehen. Ähnlich schlimm ist, wenn sie sich versklaven an Besitz, Status, äußerliche Macht.
Im „unersättlich“ schwingt mit, ich wollte sie verzehren. Dabei war ich lediglich neugierig, nein: interessiert. Interessiert daran, wer sie sind, was sie denken, wie sie fühlen, was sie wünschen, wie sie sprechen, was sie tun. Es war mir wichtig, ihnen nahe zu sein und mich auf ihre Frequenz einzuschwingen. Ich gab ihnen Resonanz, und im besten Fall entstand eine schöne Gegenseitigkeit, angelegt auf die Dauer eines Gesprächs an einem Abend in einer guten Bar. Vor allem interessierte mich, was ihnen widerfahren war und was es aus ihnen gemacht hatte.
Über Menschen kann man gar nicht genug wissen. Das ist bitter nötig, um keinen Quatsch zu erzählen. Die falsche Frage lautet: Wie kannst du bloß so sein! Die richtige lautet: Woher kommst du, was hast du erlebt? Das nämlich ist die Einladung zu einer wirklich guten Erzählung. Unersättlich bin ich nicht mehr, ich habe ein anderes Problem. Wie gelingt es mir, Wiederholungsschleifen zu meiden. Durch gute Gespräche, sicher. Geh nach Afrika, laß dir einen Bart stehen, schrieb William Carlos Williams.
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