Der Betrachter 3

„Ich wünschte mir, anderswo sein zu können. Und fand es zugleich großartig, hier zu sein. Es war großartig und sehr aufregend, wenn man absah von den üblen Dingen, die einem persönlich zustoßen konnten, so wie es immer aufregend ist, wenn man das Glück hat, einem ungewöhnlichen und wahrhaft sehenswerten Schauspiel beizuwohnen. Unter einem gewissen Gesichtspunkt ists mit dem Krieg ein wenig wie mit dem Pferderennen: fünf Minuten heftiger Spannung für sehr viel Scherereien und Strapazen (falls du kein Professioneller bist und dich für Riten – Eleganz, Paraden, Salutieren – nicht begeisterst). Der Krieg interessierte mich, weil es der einzige Ort ist, wo man gewisse Dinge richtig sehen kann, und auch weil ich versuchen wollte, diese Beschäftigung zu verstehen, die so wichtig ist und sogar wesentlich, insofern sie zu den drei oder vier fundamentalen Bedürfnissen gehört, nämlich mit Frauen schlafen, essen, sprechen, zeugen, für die Menschen geschaffen sind und deren sie nicht entraten können. Die Wohltätigkeitsorganisationen verdammen gleichermaßen die Hurerei und den Krieg. Zweifellos gibt es eine Menge mitleidiger und züchtiger Argumente, um für die Keuschheit und den Frieden zu streiten. Ungeachtet solch tugendsamer Betrachtungen fahren die Männer aber weiterhin fort, Röcke hochzuheben und sich gegenseitig umzubringen, und das in immer größerem Maßstab. So muß man wohl folgern, daß sie, wenn sie gute Gründe haben, so zu tun, als verbreiteten oder billigten sie die humanitären Argumente, wahrscheinlich noch bessere haben, um diesen keine Beachtung zu schenken, und man muß sich, will man keine Dummheiten sagen, darauf beschränken, bei diesen Gelegenheiten das Verhalten derer zu beobachten, die daran beteiligt sind.

Ich war also in gewissem Sinn glücklich, hier zu sein, trotz der Angst, die ich empfand, und der Gefahren, die meine Anwesenheit an diesem Ort mit sich brachte. Hätte ich die Möglichkeit gehabt zu wählen, wäre ich sicher weder hiergeblieben noch freiwillig hergekommen, doch da sich diese Frage nicht stellte, empfand ich eine große Erregung.“

Claude Simon, Das Seil


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