Wochen her. Eine Schulklasse unterwegs. U-Bahn, ich steige zu. Eine Lehrerin oder Erzieherin (schlimmes und häßliches Wort) hat sich einen geschnappt, der steht an der Haltestange beim Ein- und Ausstieg und muß etwas Schlimmes getan haben. Sie spricht auf ihn ein – er grinst. Ein kleiner Junge, vielleicht zehn oder elf Jahre alt, der etwas Schlimmes getan haben muß, steht zwischen der Lehrerin und einer Klassenkameradin und grinst. Die Lehrerin fühlt sich durch dieses Grinsen herausgefordert. Sie sagt: Ich weiß gar nicht, was es da zu grinsen gibt. Der Junge, der etwas sehr Schlimmes getan haben muß, grinst weiter, verzieht kaum sein Gesicht, hält sich in diesem Grinsen wie in einer Maske, die schützt und birgt. Die Lehrerin bohrt weiter, sie sticht in ihn ein. Er soll sich gefügig zeigen, sich entschuldigen, unterwerfen. Er tut das nicht, er bleibt bei seinem Grinsen. Die Lehrerin rast, zieht eine Kollegin zu Rate. Nun versuchen sie es gemeinsam, zwei erwachsene Frauen mit der richtigen Moralvorstellung reden ein auf einen grinsenden Jungen, der etwas furchtbar Schlimmes getan haben muß, schlimm genug, ihn vor der gesamten Fahrgemeinschaft, der Mitreisenden und der Klassenkameraden, in dieser U-Bahn bloßzustellen. Er grinst weiter, als schütze das allein vor dem Weinen und der Aufgabe des Stolzes. Seiner etwas pummeligen Mitschülerin, die neben ihm steht, wird es nun zu unangenehm, sie setzt sich zu einer Freundin, nur um herauszukommen aus diesem Tribunal. Nun steht der schlimme Junge allein an der Haltestange vor dem Ein- und Ausstieg und wird zur Schnecke gemacht von den beiden Erzieherinnen oder Lehrerinnen. Ich muß raus und steige auch aus. Ich habe mich nicht getraut einzugreifen. Aber ich weiß, nichts ist so schlimm wie eine solche Prozedur, das Hineingreifen in einen Menschen, diese Hinrichtung. Der Junge grinste zwar, doch die beiden Erzieherinnen täuschten sich sehr. Er wußte sehr wohl, daß er etwas falsch gemacht hat, und er schämte sich auch. Um seine Würde nicht zu verlieren, setzte er dieses unglückliche Grinsen auf und behielt es bei, während sie, die so viel älter und klüger sein sollten, es falsch deuteten als Frechheit, als Provokation. Der Junge wird diese Frauen hassen, denn sie haben ihm keinerlei Raum gelassen für das Nachdenken und die Reue. Sie waren unerbittlich.
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