Die Verlagerung 2

Verlagerung klingt zu harmlos, denke ich nun, ein paar Stunden später. Eigentlich läßt sich derjenige, der in Wörtern denkt und fühlt und aus diesem Fühlen und Denken abseitige und andersartige Wirklichkeiten schafft, auf etwas ein, was man als subtilen Betrug kennzeichnen müßte.

Wer etwas von A nach B bringt, wird Verluste zu verzeichnen haben. Jeder kennt das und leidet darunter. (Mit meiner konventionellen Zeichensprache bleibe ich weit hinter dem zurück, was tatsächlich geschehen ist.) Ich habe etwas Außergewöhnliches, wie mir scheint, erlebt, nun möchte ich es teilen, wie sie derzeit (durchaus verlogen) sagen, doch in Wirklichkeit möchte ich es gar nicht teilen, denn dann wird es ja weniger, sondern ich möchte es mitteilen. Das hat eine andere Bedeutung, wie unschwer zu verstehen ist. Sich selbst etwas vorzumachen ist menschliches Geschäft.

Der subtile Betrug des Schreibens und Lesens, also der bedeutsamen Symbolhandlungen unseres Lebens, besteht darin, daß Tauschprozesse akzeptiert und eingegangen werden, ähnlich wie beim Geld. Herman Melville schrieb deshalb The Confidence-Man: His Masquerade, Erstveröffentlichung 1857.

Frage: Was liegt an solchem Tausch? Antwort: Der Gewinn. Frage: Worin besteht der Gewinn? Antwort: Er besteht in Information. Frage: Information welcher Art? Antwort: Information solcher Art, daß der Empfänger etwas erfährt, was er sich selbst nicht erfahren kann, aber durch die Erfahrung des Lesens weiß, wie es dort ist, wo er nicht war. Frage: Eine Erfahrung aus zweiter Hand. Antwort: Exakt. Frage: Wie können Menschen sich auf so etwas Unzuverlässiges einlassen? Antwort: Sie müssen. Niemand kann überall sein und wissen. Frage: Handelt es sich demnach um Wissen oder nicht vielmehr um Vertrauen? Antwort: Beides. Wer liest, vertraut oder mißtraut. Wer vertraut, liest weiter. Wer mißtraut, wechselt das Buch oder kehrt zurück in die bloße Tatsächlichkeit der Tatsachen, in die Enge eigener Reichweite. Frage: Was sind denn Tatsachen? Antwort: Daß wir individuell sterben müssen, aber kollektiv überleben, ist eine Tatsache.

Menschen lieben Geschichten und Erzählungen, denn sie enthalten Kostbares. Sie sind die Grundsubstanz des geistigen und seelischen Lebens. Ohne Geschichten und Erzählungen wären wir komplett verloren und wüßten weder ein noch aus. Alle erzählen, alle lassen sich erzählen. Die Politik, die Wirtschaft, die Medizin, der Sport – Erzählung, Mythenbildung. Bildende Kunst ist Erzählung, ebenso wie der Tagesabschlußbericht des Arbeitsheimkehrers, wie war dein Tag, Schatz.

Wir tauschen uns aus, nahezu täglich, und vertrauen dem uns genannten Wert oder ersetzen ihn durch einen anderen, den wir selbst bestimmen und dann für ihn werben gehen. Werben für Werte. Gute Nacht.


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