Der fünfte Tag und die Freiheit

Der Satz von Claude Simon, daß die Deutschen sich nicht auf Freiheit verstehen, geht mir durch den Sinn. Daher dieser hohe Bedarf an Ordnung und Reglementierung. Jeder weiß, wo er hingehört, auf der Rolltreppe steht man rechts, vor der Kasse bilden die Wartenden ganz von selbst eine Warteschlange, Seniorensitze sind gekennzeichnet. Die Straßen, nicht nur in Deutschland, sind liniert und signiert wie für Idioten, die Verkehrsteilnehmer halten sich auf ihren jeweiligen Spuren, es bedarf keiner Verständigung. Das ist auf der einen Seite intelligent, auf der anderen armselig, denn es macht uns zu Objekten, zu Masseteilchen im Geltungsraum der Ordnung. Ich beobachtete während einer Fahrt in der Vorortbahn die Passagiere auf den Bahnsteigen: ihre Haltung, die Bewegungen und Blicke. Es fuhr in mich wie ein Schlag, der sich von Station zu Station noch verstärkte. Sie sind niemals freigekommen, dachte ich. Die Menschen, die ich sah, wirkten untergebuttert, besonders die Älteren. Als hätten sie sich ihr Leben lang an die Ordnung gehalten, möglichst wenig falsch gemacht, und nun? Als warteten sie seit Jahren auf eine Belohnung, aber die Belohnung bleibt aus. Als fahre nahezu jeder Zug vor ihrer Nase ab, als sei ständig der Fahrkartenautomat defekt oder die Münze falle durch. Das stimmte mich traurig, doch blieb mir die Hoffnung, daß ich irre.


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