D wie Diesel

Abgaswerte, Software-Manipulationen, Betrug am Kunden, organisiertes Verbrechen, systemisch. Deutschland ist auf den Diesel gekommen, es gab ein Gipfelgespräch zwischen Wirtschaft und Politik, ein Kompromiß wurde erhandelt.

Seit ich politisch denken kann, agiert Politik auf diesem Kuhhandelniveau. Soll mich das bewegen, empören, auf irgendeine Weise mobilisieren? Es gibt keinen Ausweg, das zeigt dieser Kompromiß. Der Diesel und die Feinstaubdebatte sind mir scheißegal, und das liegt daran, daß ich aus einer Zeit stamme, in der die Schlote im Ruhrgebiet noch dampften oder gerade aufhörten zu dampfen – es gab die Politik der hohen Schornsteine, um die Smog-Belastung im Umfeld der leidgeprüften Ruhrregion klein zu halten und die Emissionen in höhere Bereiche der Atmosphäre gelangen zu lassen, so daß die westlichen und südwestlichen Winde sie forttrugen, nach Polen, ins Baltikum oder bis nach Schweden.

Nachdem der Grobstaub beseitigt scheint, verhandeln wir Feinstaub. Der Grobstaub wird mittlerweile woanders produziert, wir diskutieren hier längst filigraner. Ist das gut? Es beruhigt die Gewissen der Millionen, die erkennen möchten, daß etwas für die Umwelt getan wird, hier in D-Land. Zeitgleich wird mit dem stummen Einverständnis der Millionen dieser Planet weiter geplündert, niemand scheint während der eifrig geführten und klug gelenkten Klimadebatte auf den Gedanken zu kommen, daß unser gesamter Lebensstil ruinös ist und deshalb in Frage steht und stehen muß, das waltende System uns zu Kostgängern der Ausbeutung versklavt und zu Konsumidioten degradiert, die sich aufs neueste Modell freuen.

Es mag hübsch sein, den eigenen CO₂-Fußabdruck zu minimieren und führt vielleicht einmal zu etwas mehr. In den Schulen geschieht diesbezüglich ja allerhand. Ich erwarte Schüler, die von dort aus weiterdenken. Sie werden es tun müssen. Die Klimadebatte erscheint mir wie ein Ablenkungsmanöver, ein Konjunkturprogramm ist es allemal.

Deutschland ist symbolisch auf den Diesel gekommen – auch um zu zeigen, wie hierzulande ein Kompromiß funktioniert und wozu er dient, nämlich dem Weiter-so. Die Beteiligten und Betroffenen sind zufrieden. Weil wir so etwas hinkriegen, deshalb geht es uns so gut. Beiß nicht die Hand, die dich füttert. Denn wir haben ein strukturelles Problem: die Abhängigkeit von der Autoindustrie, den Großfürstentümern des deutschen Wirtschaftswachstums und Wohlstands. Sie besteht seit einem halben Jahrhundert und wird hingenommen.

Das ökonomisch vernunftwidrigste System aller Zeiten (wer weiß, vielleicht gab es historisch Schlimmeres) läuft in eine neue Runde, und wenn eines Tages erkannt wird, daß Raubbau und Ressourcenvernichtung ein verbrecherischer Blödsinn waren, werden wir uns zusammenfinden und ein wenig Reue empfinden und später erklären, daß wir es eigentlich immer schon gewußt haben, um sodann zur neuen Tagesordnung überzugehen. Menschen sind relativ klug, nicht absolut.


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