In Wien vor Jahrzehnten, ein heruntergekommenes Hotel, Zur Schwalbe oder Blaue Schwalbe, Kursfahrt der Oberstufe, Leistungskurs Geschichte, wir waren Gymnasiasten, streitbar, kritisch, halbschlau, kindisch, versessen auf das morbide Wien, die Kaffeehäuser, die schmalen Gassen, hatten Ludwig Hirsch im Ohr, komm großer schwarzer Vogel, suchten an falscher Stelle die Donau. In diesem heruntergekommenen Hotel habe ich mich wohlgefühlt. Das Zimmermädchen beschwerte sich über die Wiener, ihre großstädtische Arroganz, sie kam aus der Steiermark und verdiente sich etwas. Wir seien auf Klassenfahrt, erklärte ich ihr achselzuckend, und hätten die Wiener noch nicht kennengelernt. Das würden wir früh genug, sagte sie und straffte die Bettlaken. Unseren Kursleiter nannten die Hotelbesitzer „den Herrn Professor“. Später ein ähnliches Wohlfühlen im Kaffeehaus des Grand Hotel Europa am Prager Wenzelsplatz, 1991. Ein Stehgeiger musizierte, die Vorhänge waren ergraut, die Tapeten vergilbt, das Mobiliar in die Jahre gekommen. Leise Schritte auf den Läufern, die Kellner wie Erscheinungen, sie verstanden und nickten stumm. Nachmittage dort verträumen, schreibend oder lesend, oder eine Woche in der Blauen Schwalbe, ernährt durch Kaffee und Zigaretten und die Spazierwege durch eine unbekannte Stadt, in der Tag und Traum sich nicht entgehen.
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