Ein seltsamer Begriff. Der Norm entsprechend, aber welcher? Regelhaftigkeit, Übereinstimmung mit der Ordnung, Gewohnheit und Gewöhnlichkeit. Mithin sämtliche Vorgänge und Abläufe, Verhaltensweisen und Einstellungen, die nicht erwartungswidrig sind. Eine Kurzdefinition lautet: der Zustand, der normal ist. Dann muß er allerdings Gegensätze in sich aufnehmen können, zum Beispiel Leben und Sterben, Bewegung und Stillstand, Hitze und Kälte, Liebe und Haß sowie alles dazwischen. Dann wohl doch eher eine Größenrelation, eine Proportion, eine Funktion. Dennoch fragt alle Welt vielmals und ausdauernd: Ist das noch normal? Ich fragte mich das, als ich vor einigen Jahren den ersten Mann, er war Mitte zwanzig, trug einen Bart und hielt sich modisch, mit einem Kopfhörer auf der Straße sah. Oder Mitte der Neunziger, als Gäste des Cafés, in dem ich arbeitete, den Gastraum als Telephonzelle mißbrauchten. Wir baten sie, das mit Rücksicht auf die anderen Gäste doch bitte draußen zu erledigen. Oder vor zehn oder fünfzehn Jahren, als sie in den Bahnabteilen und im Bus anfingen, stundenlang zu telephonieren. Ich saß einer Frau gegenüber, die beschrieb ihrer Freundin die Wohnung, die sie demnächst mit ihrem Schatz beziehen werde; sie hatte große Pläne und weihte mich auf diese impertinente Weise ein in die Strategien ihres Nestbaus. Längst normal geworden, sich abzuschließen, zu tun als sei man allein unterwegs, als seien die anderen taub oder stopften sich die Ohrmuscheln mit Konserven. Zivilisationskritik – wozu? Völlig zwecklos, wenn auch normal. Immerhin erkennen wir einander immer besser.
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