Rücksichtsvoll von den Leuten, daß sie nur konsterniert gucken und nicht gleich noch sagen, was mit ihnen los ist: daß sie sich schlecht fühlen, daß man sie beschissen hat, daß die Dinge nicht halten, was man sich von ihnen verspricht. Rücksichtsvoll, daß sie nicht anfangen zu schluchzen oder dem Nächstbesten um den Hals zu fallen, außer sich und total erledigt von den Strapazen des Angewiesenseins und Abgewiesenwerdens.
Rücksichtsvoll, daß sie sich nicht bewaffnen und Rache nehmen, um einmal doch, ein einziges blutiges Mal sturzhoch überlegen zu sein. Wir bitten um Ihr Verständnis / Leider zur Zeit nicht möglich / Wenn Sie Fragen haben / Sie hätten früher buchen müssen / Nehmen Sie sich einfach das Leben / Schnell und gut und sogar nachhaltig.
Rücksichtsvoll, daß sie nicken: Ja, verstehe, tut mir leid, zu dumm von mir, ich hätte mich vorher informieren sollen, einen schönen Tag noch, danke, ja, wünsche ich Ihnen auch. Rücksichtsvoll, daß sie noch zur Arbeit gehen und beim Bruttoinlandsprodukt mitmachen.
Rücksichtsvoll, daß sie sich schämen, wenn man sie abgehängt und ausgebootet hat. Rücksichtsvoll, daß auch sie von Bildung und Besitz schwärmen, als sei das etwas, was zusammenkommt, weil es zusammengehört oder sich eines Tages am Kreuzweg trifft und vereint in die richtige Richtung marschiert. Man muß in die Zukunft investieren, sonst gibt sie einem nichts, die käufliche Zukunft. (Die Wolken am Himmel filtern wir raus, verspricht der Kameraassistent.)
Rücksichtvoll, daß niemand sagt, daß es sich in diesem Land lebt: wie in einer Geisterbahn, man hat bezahlt und wartet auf den Schrecken. Die Passagiere sitzen auf ihren Sitzen und rasseln durch die künstliche Nacht. Da kommt auch schon der erste Totenkopf, nicht einmal die Kinder schreien. So geht es weiter durch die Kulissen, endlich steigt man aus.
Rücksichtsvoll, daß alle sagen, uns geht es gut. Das gefällt der Propaganda aus Demoskopie und Statistik. Rücksichtsvoll, daß niemand fragt, wer ist denn wir. Rücksichtsvoll, daß nur ein Drittel der Leute in die Armut verschoben wurde. Rücksichtsvoll, daß niemand die Flaschensammler fragt. Rücksichtsvoll, daß die SPD dem besitzenden Bürgertum gehört und nicht jenen, die sie brauchen.
Rücksichtsvoll, sich nicht vor dem „sozial Schwachen“ zu fürchten, während man in seinem vulgären Cayenne verlassen von allen guten Geistern vor der roten Ampel steht.
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wunderbarer Text! macht angenehm wütend!