Tobsuchtsanfälle

Niemand erregt sich über Kleinbürger mehr wie der abtrünnige Kleinbürger, der etwas loswerden muß, was an ihm klebt wie Scheiße am Schuh – Handkes Wutanfälle, Brinkmanns Zorn. Rolf Dieter Brinkmann wurde am 23. April 1975 in London (dort herrscht Linksverkehr) von einem Auto überfahren, Peter Handke lebt noch und erhält demnächst den Literaturnobelpreis, trotz einer Grabrede für Slobadan Milošević. Wer wüten muß, um sich zu befreien, dem sitzt die Bedrängnis nah. Es ist ein erbitterter Nahkampf. Sie sitzt in den nicht ganz abgelegten Reaktionsweisen, in den Splittern aufgebrochener Denkmuster, dem nicht Ruhe gebenden Minderwertigkeitskomplex – und äußert sich als pedantisches Rechthabenwollen.

Brinkmanns Zorn ist ein Filmprojekt aus dem Jahr 2006, eine Verfilmung, wenn man das sagen kann, der Tonbandaufzeichnungen des Autors, der mit der Literatur nach eigenen Aussagen fertig war. Zu Beginn des Films bearbeitet der Brinkmann-Schauspieler eine Mülltonne, tritt und drischt auf sie ein, daß es eine Freude ist. Dazu die echte Stimme des „vielleicht einzigen Genies der westdeutschen Nachkriegsliteratur“ (Heiner Müller)  – das ist lustig und sehr unheimlich zugleich.


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